Decktective: Blutrote Rosen (Rezension)

Mit Decktective: Blutrote Rosen bekommt die Escape-Spiel-Reihe Deckscape einen Krimiableger. Nur mit einem Kartendeck bewaffnet, müssen ein bis vier wackere Entdecker versuchen, die Hintergründe eines Mordfalls aufzudecken. Hier ist echte Decktektivarbeit gefragt!

Ich denke es leuchtet bereits im Anreißer durch: auch wenn ich verstehe, dass hier ein Wiedererkennungswert zur ähnlich benannten Deckscape-Reihe vom gleichen Autorenteam angestrebt wurde, finde ich den Titel Decktective eher ein bisschen beknackt. Auf das Spiel selbst habe ich mich trotzdem sehr gefreut. Das liegt einerseits daran, dass wir mit dem Krimispiel-Konkurrenten Sherlock jede Menge Spaß hatten. Andererseits aber auch an der auf den ersten Blick sehr coolen Aufmachung: Decktective nutzt die Schachtel und in die Schachtel eingesteckte Karten, um den Tatort in 3D darzustellen. Sehr coole Idee!

Wie funktioniert das?

Decktective ist ein Krimi-Kartenspiel, bei dem bis zu sechs Spieler gemeinsam einen Mordfall lösen. Nach dem Auspacken geht es gleich mitten rein ins Geschehen: die ersten paar Karten erklären den Spielaufbau, Regeln und den Fall, der uns erwartet. Im konkreten Fall, Blutrote Rosen, ist ein englischer Adliger vor seinem Landsitz ermordet worden. Hier gibt es auch gleich ein paar Abzüge in der B-Note: die ganze Aufmachung des Spiels trägt nicht gerade dazu bei, eine viktorianische Atmosphäre zu schaffen. Dass wir uns in einem historischen Setting befinden sollen, haben wir völlig ausgeblendet. Nett sieht das Ganze durch den 3-D-Aufbau dennoch aus.

Decktective Tatort
Der Tatort von Blutrote Rosen. Eigentlich ganz idyllisch…

Und wie spielt sich Decktective? Nicht nur das Thema, auch das Spielprinzip erinnert an die Sherlock-Spielereihe. Jeder Spieler bekommt eine von der Spieleranzahl abhängige Zahl an Handkarten ausgeteilt. Während des Spiels ist die Kommunikation am Tisch eingeschränkt: über die Titel der eigenen Karten darf gesprochen werden, doch die vollen Informationen werden erst für alle zugänglich, wenn eine Karte ausgespielt wurde. Bin ich am Zug, wähle ich entweder eine meine Karten, die ich ausspielen möchte, oder ich werfe eine Karte verdeckt ins Archiv ab. Das ist notwendig, da das Ausspielen der meisten Karten eine bestimmte Anzahl von Karten im Archiv voraussetzt. Wir müssen also versuchen, die für die Lösung unwichtigen Karten  abzuwerfen, damit wir die wirklich wichtigen Hinweise ausspielen können.

Sind alle Karten durchgespielt, gibt es ein kleines, aus mehreren Karten bestehendes Quiz, und abschließend die Auflösung und eine Abschlusswertung. Hier kommen ein paar in der Schachtel enthaltene Büroklammern zum Einsatz, mit denen ihr alle Antworten markieren könnt – das vermeidet, dass man auf Stift und Papier oder die Memo-App im Handy zurückgreifen muss. Nettes kleines Detail!

Was taugt das?

Decktective hat mir gefallen, und ich hoffe sehr, dass es weitere Fälle geben wird. Trotzdem ist sowohl dieser spezielle Kriminalfall als auch das dahinter liegende Spielsystem nicht ohne Schwächen.

Zuerst einmal ist der Fall recht einfach. Und das sage ich als jemand, der von Rätselspielen öfter über- als unterfordert ist. Das ist toll für Anfänger und für Rätseldeppen wie mich, aber eingefleischte Krimifans könnten sich leicht unterfordert fühlen. Täter und Motiv waren uns ziemlich schnell klar, da es einfach keine wirklich plausiblen Alternativen gibt. Wir haben mit 9 von 10 Punkten abgeschlossen und nur eine Kleinigkeit zum genauen Tathergang falsch geraten (den ich auch ein klitzekleines bisschen albern fand, aber ok).

Schuld daran ist nicht nur der relativ geradlinig aufgebaute Fall, sondern eben auch die Spielmechanik. Da das Deck in einer vorbestimmten Reihenfolge durchgespielt wird, wirkt Decktective deutlich stärker gescriptet als Sherlock. Bei Sherlock wird man manchmal allein schon dadurch auf die falsche Fährte gelockt, dass bestimmte Karten zu Spielbeginn gehäuft gezogen werden. Man hat dann das Gefühl, völlig im Dunkeln zu tappen und  erst einmal ein Gefühl dafür entwickeln zu müssen, was denn eigentlich wichtig ist. Das macht einen Großteil des Reizes des Spiels aus, kann in seltenen Fällen, wenn es bei einem ohnehin schweren Fall doof läuft, aber auch in Frust ausarten.

Bei Decktective fällt dieses Zufallselement komplett aus. Wir hatten dadurch das Gefühl, das Spielgeschehen stärker unter Kontrolle zu haben. Allerdings konnte uns Blutrote Rosen eben auch nicht erfolgreich auf eine falsche Fährte locken, und wir wussten relativ schnell was los ist. Schauen wir mal, wie künftige Fälle damit umgehen, und ob sie diese vermeintliche Schwäche in eine Stärke ummünzen können, indem die Ermittlungen z. B. durch genau getimte Ereigniskarten durcheinandergewirbekt werden. Solche Plot Twists, die zu einem bestimmten Zeitpunkt vom Deck gezogen werden, gibt es in Blutrote Rosen bereits, aber ihr Effekt auf das Spielgeschehen ist eher überschaubar.

Auch das Potential des tollen 3D-Tatorts wird noch nicht so ganz ausgeschöpft. Es lohnt sich zwar durchaus, den Tatort mal unter die Lupe zu nehmen, aber wer Escape-Room-Spiele wie Exit oder Unlock! kennt, ist da doch ganz was anderes gewohnt. Was ich toll fand, war, dass der Tatort sich (über die bereits erwähnten Plot Twists) verändern kann – wie genau das in diesem Fall ausgespielt wurde, fand ich allerdings weniger interessant. Aber damit kann man doch sicher in Zukunft noch was machen?

Blutrote Rosen bekommt unterm Strich ein „solide“ von mir, da wir 45 Minuten lang nett unterhalten wurden. In diese Wertung fließen bereits Vorschusslorbeeren mit ein – ich möchte einfach, dass sich die Designer die coolen Elemente dieses Spiels nehmen und daraus einen Fall basteln, der mich richtig von den Socken haut!

TL;DR

Der Auftakt zur neuen Krimi-Kartenspielreihe von Abacusspiele ist leichte Unterhaltung für Gelegenheits-Rätsler. Wer einige der „Sherlock“-Fälle zu knifflig fand, wird mit „Blutrote Rosen“ seine Freude haben. Für hartgesottene Rätsel-Cracks ist der Fall vermutlich zu leicht. Das Spiel enthält nette Ansätze wie den coolen 3D-Tatort, die hoffentlich in folgenden Fällen noch ausgefeilter eingesetzt werden.

Decktective: Blutrote Rosen von Martino Chiacchiera und Silvano Sorrentino. Ein Spiel für 1-6 Spieler ab 12 Jahren, erschienen 2019 bei AbacusSpiele. Spielzeit: ca. 60 Minuten. Preis: ca. 10€.

Typ:
Familienspiel
Wertung:
– solide

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