Sherlock (Q-System) – Staffel 1 (Rezension)

Wollen wir nicht alle Meisterdetektive wie der große Sherlock Holmes sein? Wie sonst ist die andauernde Faszination von Krimis und Thrillern in Film, Funk und Fernsehen zu erklären? Mit der Sherlock-Reihe von Abacus können wir uns nun mit dem großen Meister messen und selbst zu Westentaschen-Detektiven werden. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn die winzigen Boxen passen problemlos in die Westen-, Jacken- oder Hosentasche.

Wie man ein Meisterdetektiv wird

Rätselspiele aller Art stehen spätestens seit dem Erfolg der Exit-Reihe ganz hoch im Kurs, auch bei uns zu Hause. Schon seit einiger Zeit ist in meiner Runde allerdings immer klarer geworden: wir wollen unsere Spieleabende gerne mit mehr Story anreichern. Es darf gerne mal was anderes sein, als zweifelsohne clevere, aber abstrakte Rätselkost! Das ging ganz harmlos los mit dem  tollen Exit: Der Tote im Orientexpress, das den bekannten Knobelspaß mit einer Mördersuche verknüpfte. Dann kam Sherlock Holmes Criminal-Cabinet, seines Zeichens Spiel des Jahres 1985(!), das meine Frau so sehr mit dem Krimivirus ansteckte, das unsere Pandemic Legacy-Abende in Gefahr waren.

Und nun also Sherlock. Drei kleine, unscheinbare Deckboxen, jede ein eigener abgeschlossener Kriminalfall in 32 Karten:

  • In Letzter Aufruf stirbt ein Passagier an Bord eines Linienflugzeugs. War es Mord?
  • In Der Fluch des Qhaqya wurde ein berühmter Archäologe ermordet. Hat ihn der Fluch eines alten indianischen Relikts erwischt?
  • In Tod am 4. Juli wird eine Männerleiche im Garten eines Anwesens gefunden. Wer ist der Tote, und warum musste er sterben?

Alle Boxen sind mit derselben Gruppe nur einmal spielbar (anschließend kennt man die Lösung), können aber problemlos weitergereicht werden, da kein Material zerstört wird.

Sherlock: Tod am 4. Juli - Spielmaterial
Das Spielmaterial von Tod am 4. Juli.

Spielerisch ist Sherlock im Vergleich zu Escape-Room-Spielen wie Exit und Co. recht simpel: es gibt keine Apps, keine Decodierscheiben und keine anderweitigen Hilfsmittel zur Entschlüsselung. Zu Spielbeginn wird lediglich eine Karte, die uns Informationen zum geschehenen Verbrechen liefert, offen ausgelegt. Jeder der bis zu acht Mitspieler, die gemeinsam an der Aufklärung des Falles arbeiten, erhält eine Hand von drei Karten. Ist man an der Reihe hat man eine simple Entscheidung zu treffen:

Möchte ich, Möglichkeit 1, eine Karte ausspielen? Wenn ich das tue, dürfen alle anderen Spieler die Informationen auf dieser Karte nutzen. Das ist wichtig, weil wir ja schließlich einen Mordfall aufzulösen haben, und bevor wir unsere Karten ausspielen, dürfen wir nur in begrenztem Maße kommunizieren, was wir denn eigentlich so auf der Hand halten. Einige Begriffe auf jeder Karte sind unterstrichen, und nur über diese dürfen wir bereits im Vorhinein reden. Ich darf meinen Mitspielerinnen vielleicht sagen, dass ich eine Karte (fiktives Beispiel) zum Butler und dem Salon habe, aber erst, wenn ich die Karte tatsächlich ausspiele, erfahren sie, dass der Butler behauptet, er habe den Sohn von Mrs. Wensworth am Abend des Mordes nach einem heftigen Wortgefecht wutentbrannt aus dem Salon stürmen sehen.

Oder möchte ich, Möglichkeit 2, eine Karte ablegen? Manche Karten sind reine Nebelkerzen, die uns von der richtigen Fährte abbringen sollen. Diese gilt es abzulegen. Von mindestens sechs Karten müssen wir uns im Laufe eines Falls auf diese Weise trennen, sonst geht das Spiel verloren, noch ehe wir uns an die Auflösung des Falls machen dürfen. Mechanisch kann man es sich so erklären, dass wir zu viel Zeit mit Nebensächlichkeiten verschwendet haben, und der Mörder uns entkommen ist.

Spielsituation von Sherlock: Letzter Aufruf
Spielsituation aus „Letzter Aufruf“: es liegen bereits eine Reihe von Hinweisen aus.

Haben wir das Deck durchgespielt und alle Karten ausgelegt oder abgeworfen kommt die Stunde der Wahrheit: wir diskutieren noch einmal abschließend  unsere Theorie, öffnen dann das kleine Siegel auf dem Anleitungsblatt und stellen uns dem Fragebogen, der (je nach Fall) Fragen zu Mörder, Motiv, Tathergang, Tatwaffe etc. bereithält. Für jede richtige Antwort erhalten wir zwei Punkte, jede ausgespielte Karte, die nichts mit dem Fall zu tun hatte, gibt einen Punkt Abzug. Anschließend dürfen wir prüfen, wie weit es mit unseren Rätselkünsten her war, indem wir unsere Punktzahl mit der des großen Meisterdetektivs Sherlock Holmes vergleichen.

Dem Spielspaß auf der Spur?

Meine Frau und ich haben die ersten drei Sherlock-Fälle ziemlich flott hintereinander weggespielt, und wir sind bislang sehr angetan von dem System. Für mich fühlt sich die Reihe an, wie eine radikal verschlankte Kartenspiel-Variante des bereits eingangs erwähnten Klassikers Sherlock Holmes Criminal-Cabinet. Kein Herumreisen, kein Adressbuch, keine Zeitung – nur ein einfaches „Whodunit?“ in 32 Karten. Selbst der neunmalkluge Holmes, der die Auflösung natürlich binnen weniger Minuten und nur mit den Karten 3, 7 und 28 gefunden hat, findet sich hier wieder. So eine Spaßbremse.

Sherlock ist in erster Linie ein Kommunikationsspiel, dass durch die Kartenmechanik lediglich in feste Bahnen gelenkt wird. Gemeinsam versuchen wir der Lösung näherzukommen, indem wir unsere Handkarten im Rahmen der erlaubten Kommunikation miteinander abgleichen und (hoffentlich) relevantes ausspielen und überflüssiges abwerfen. Das funktioniert zu zweit recht gut, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das die optimale Spielerzahl für dieses Spiel ist. Jeder Spieler am Tisch bringt eine Hand von drei Karten mit ins Spiel – zu viert kann man also bereits wilde Theorien über die Schlagwörter auf zwölf Karten bilden, noch bevor die erste Karte ausgespielt wird. Zu zweit stehen dagegen nur sechs Karten zur Verfügung – mag sein, dass man so eher mal durch Zugpech auf die falsche Fährte gelockt wird.

Da Sherlock mechanisch so einfach ist, lebt es entsprechend stark von den erzählten Geschichten. Die sind größtenteils ziemlich gradlinig, aber plausibel erzählt. Tod am 4. Juli, hat uns am wenigsten gefallen, da er uns etwas weiter hergeholt erschien – anfangen sollte man auf jeden Fall mit Letzter Aufruf oder Der Fluch des Qhaqya.  Alle drei Geschichten sind übrigens verhältnismäßig unblutig, am „schaurigsten“ ist wohl Tod am 4. Juli. Auf der Skala von Miss Marple bis True Detective sind alle Boxen eher bei der schrulligen alten Dame angesiedelt. Ob die Altersempfehlung auf der Schachtel (8+) in Ordnung geht, kann ich mangels Achtjähriger zum Praxistest nicht definitiv beurteilen. Aus dem Bauch heraus scheint mir die Altersangabe allerdings sehr niedrig angesetzt.

Wo wir schon bei den Vergleichen sind: Sherlock ist eher die abendliche Monk-Folge als der große Thriller-Blockbuster. Im Vergleich zu anderen Genre-Vertretern spielt sich die Reihe leicht und luftig und ist fast eher ein Absacker oder ein Spiel für Zwischendurch als das Hauptevent für den Spieleabend. Gerade im Vergleich zu Exit fühlt sich Sherlock nach deutlich weniger „Commitment“ und somit noch zugänglicher an. Auch für unterwegs ist das Spiel super geeignet. Das Spielmaterial, das eben nur aus ein paar Karten besteht, lässt sich selbst auf Klapptischen im Zugabteil organisieren.

Wird es den Entwicklern gelingen, das relativ begrenzte Spielsystem aus gerade einmal 32 Karten auf Dauer frisch und überraschend zu halten? Das wird man sehen. Mit den ersten Fällen hatten wir jedenfalls eine Menge Spaß, und wir freuen uns darauf, schon bald die bereits erhältliche zweite Staffel anzuspielen

TL;DR

Gelungener Rätselspaß für Krimifreunde. Aufgrund des Taschen-Formats auch super für unterwegs geeignet.

Sherlock: Letzter Aufruf / Der Fluch des Qhaqya / Tod am 4. Juli, von Josip Izquierdo und Martí Lucas, mit Illustrationen von Alba Aragón. Ein Spiel für 1-8 Spieler ab 8 Jahren, erschienen 2019 bei AbacusSpiele. Spielzeit: ca. 60 Minuten. Preis: ca. 8€ pro Box.

Typ:
Familienspiel
Wertung:
– reizvoll

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