Railroad Ink (Rezension)

Ich habe jetzt endlich herausgefunden, warum es einfach nicht vorangeht mit den großen Infrastrukturprojekten in Deutschland. Nehmt die A7 zum Beispiel – gefühlt schon seit Ewigkeiten eine einzige Baustelle, von Hannover bis runter nach Kassel! Wen wundert’s – das geht ja über hundert Kilometer weit geradeaus, so viele gerade Straßen kann ja kein Mensch würfeln! Zum Glück können wir das jetzt selbst besser machen. Alles was es dazu braucht ist eine Box Railroad Ink!

Die malerischsten Bahnstrecken

Railroad Ink ist ein „Roll & Write“-Spiel, in dem wir Punkte dafür bekommen, dass wir ein möglichst effektives Netzwerk von Straßen und Schienen errichten. Dieses errichtet jeder Spieler für sich auf einem abwischbaren 7×7 Felder großen Spielplan, der zu Spielbeginn bereits über einige Anschlüsse verfügt, an denen wir unser kleines Infrastrukturprojekt starten können.

Bereits beim Auspacken übertrifft Railroad Ink die Erwartungen, die man als Spieler von anderen Genre-Vertretern wie Ganz schön clever, Noch mal! und Co. an das Spielmaterial hat: in der hochwertigen Box mit Magnetverschluss finden wir statt einem Block sechs abwischbare Spielpläne. Die sind wirklich liebevoll gestaltet, und die tollen Illustrationen von Marta Tranquilli ergeben zusammengesetzt ein hübsches Diorama. Auch die Würfel machen einen hochwertigen Eindruck, nur die relativ schnell leergedaddelten Stifte können da nicht ganz mithalten.

Nettes Detail: aneinandergelegt bilden die Tableaus ein Panorama.

Das Spielprinzip ist bewährte „Roll & Write“-Kost: Zu Beginn jeder Runde wirft ein Spieler die vier Würfel, die Bahnschienen, Straßen und Bahnhöfe mit Wechselmöglichkeit zwischen den beiden Verkehrsmitteln zeigen. Anschließend muss jeder Spiele alle vier Würfelergebnisse auf seinem Plan eintragen. Punkte gibt es am Spielende für miteinander verbundene Anschlüsse (je größer das Netzwerk, umso besser), sowie für die jeweils längste eigene Straße und Bahnstrecke sowie ausgefüllte Felder in der Mitte des Spielplans. Punktabzüge gibt es dagegen für fehlerhafte Strecken, die im nichts enden – die Sonderstrecken, von denen wir uns im Spielverlauf maximal drei aussuchen können, sind daher ein zweischneidiges Schwert. Sie ermöglichen es uns, Kreuzungen mit Bahn und Straße in verschiedenen verschiedenen Konfigurationen einzutragen, können aber, wenn sie falsch gesetzt werden, auch Fehler produzieren und so wieder Punkte kosten.

Unabhängig von den Würfelwürfen dürfen im Spielverlauf bis zu drei Sonderstrecken eingezeichnet werden.

Bis zu dieser Stelle ist es noch vollkommen egal, ob man die knallrote oder die tiefblaue Edition von Railroad Ink mit nach Hause genommen hat. Wozu also überhaupt zwei Boxen? Da wäre zum einen die Spielerzahl: mit einer Box können bis zu sechs potentielle Bundesverkehrsminister an ihren Fernverkehrsnetzwerken bauen, mit zwei Boxen können sich bis zu zwölf Spieler miteinander messen. Na gut, das kann man machen – da Railroad Ink für mich eher ein ruhiges Spiel ohne großes Partykracher-Potenzial ist, das ich am liebsten zu zweit oder dritt hervorhole, reißt mich diese Möglichkeit nicht so vom Hocker.

Interessanter sind dann schon die Erweiterungswürfel, von denen jede Box zwei Pärchen mitbringt. Die Erweiterungen der knallroten Box bringen ein destruktives Moment ins Spiel, das aber auch wiederum Punkte liefern kann: Lava kann im schlimmsten Fall bestehende Strecken zerstören, komplett abgeschlossene Lava-Seen bringen allerdings auch ordentlich Bonuspunkte. Auch Meteore können unsere Netzwerke zunichte machen, allerdings ist es für die Wertung positiv, Strecken an die entstandenen Krater heranzuführen.

Vulkanausbruch im Hotelzimmer! Railroad Ink ist im Moment überall dabei.

Die tiefblaue Box dagegen bietet uns optionale Möglichkeiten zu punkten, denn die Würfel der beiden hier enthaltenen Erweiterungen müssen nicht zwingend eingezeichnet werden. Flüsse stellen eine dritte Streckenart dar, die es zu managen und nach Möglichkeit wieder aus dem Spielplan herauszuführen gilt, während Seen (meine Lieblingserweiterung) angrenzende Strecken über Fähranleger miteinander verbinden und so das potential für besonders imposante Netzwerke bieten.

Endergebnis einer Zweispieler-Partie mit der Seen-Erweiterung

Welche Box sollte man nun kaufen, rot oder blau? Ich habe ja selber ein paar Wochen lang argumentiert, dass man eigentlich nur eine Box braucht. So unterschiedlich sind die Varianten dann doch eigentlich auch nicht, oder? Aber seien wir ehrlich: wer Railroad Ink mag, wird am Ende doch beide Boxen kaufen. Wenn ihr erstmal nur eine kaufen wollt: ich fand die blaue Box etwas „netter“, weil sie zusätzliche Möglichkeiten ohne großen Haken liefert. Oder ihr geht einfach danach, was euch optisch besser gefällt.

Bahn frei für Railroad Ink!

Dem einen oder der anderen mag die Beschreibung des Spielprinzips recht solitär vorkommen. Das stimmt – Möglichkeiten, den Mitspielern in die Parade zu fahren, gibt es bei Railroad Ink nicht; auch kein Wettrennen darum, wer als erster ein Ziel erreicht. Wenn das für Euch ein No-Go ist, werdet ihr mit dem Spiel nicht glücklich werden.

Mir persönlich macht die Knobelei, wie man denn nun auf dem eigenen Plan das Beste aus dem Erwürfelten herausholt, einen Riesenspaß. Railroad Ink schafft für mich den Balanceakt zwischen zu seicht und zu grübellastig. Das Spiel fordert von mir die genau richtige Menge Gehirnschmalz, die ich für ein Spiel dieser Art aufwenden möchte.

Dabei ist es definitiv hilfreich, dass man hier mal nicht nur Zahlen oder Kreuze auf seinem Spielplan notiert. Das eigene Netzwerk auf den Spielplan zu kritzeln gibt mir das Gefühl, dass es wirklich „meins“ ist, eine Art „Sense of Ownership“. Am Ende wirklich jeder Partie schaue ich mir noch mal an, was meine Frau eigentlich dieses Mal fabriziert hat und präsentiere ihr zugleich mein Gekrakel. Dass mein Machwerk meist das punktetechnisch deutlich unterlegene ist, spielt dabei auch keine Rolle. Der Weg ist das Ziel – ein Gefühl, das ich bisher bei noch keinem Roll & Write hatte.

Railroad Ink ist nicht nur mein meistgespielter Filler diesen Jahres, sondern bislang auch mein Lieblingsvertreter des Roll & Write Genres. Auch wer (wie ich) nicht der allergrößte Fan dieser Spielegattung ist, darf mal einen Blick riskieren: dieses kleine Kritzelspiel versprüht einen Charme, der vielen seiner Verwandten so völlig abgeht.

TL;DR

Mal kurz eine Runde würfeln, kritzeln, Strecken puzzeln? Railroad Ink ist ein toller Filler und momentan mein Favorit im „Roll & Write“-Genre. Ob rot oder blau ist dabei völlig egal – bei uns im Regal haben beide Boxen ihren Platz gefunden.

Railroad Ink: Edition Knallrot / Edition Tiefblau, von Hjalmar Hach und Lorenzo Silva, mit Illustrationen von Marta Tranquilli. Ein Spiel für 1-6 Spieler ab 8 Jahren, erschienen 2018 bei Horrible Games. Spielzeit: 20-30 Minuten. Preis: ca. 15€ pro Box.

Typ:
Familienspiel
Wertung:
– reizvoll

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