Walking in Burano (Rezension)

Im vergangenen Oktober waren meine Frau und ich zum dritten Mal gemeinsam auf der SPIEL in Essen, und so langsam kristallisieren sich Traditionen heraus. Zum Beispiel mein obligatorischer Abstecher zum Dice Tower-Stand, um ein frisches Set Würfel zu erwerben. Oder das Faible meiner Frau für die Stände der kleinen asiatischen Spieleverlage: ein Mal im Jahr kauft sie ein Spiel, nicht um dem spieleverrückten Gatten eine Freude zu machen, sondern einfach nur weil sie neugierig auf das ist, was die Spieleschmieden aus Fernost uns Neues mitgebracht haben. Nachdem letztes Mal Tiefseeabenteuer von Oink Games das Objekt der Begierde war, wurde sie dieses Mal am Stand von Emperor S4 bei Walking in Burano fündig.

Häusle bauen für die Instagram-Generation

Die bunten Häuschen der venezianischen Insel Burano werden Jahr für Jahr hunderttausendfach von Touristen besucht, abgelichtet und den Daheimgebliebenen im Social-Media-Profil präsentiert. In Walking in Burano ist es die Aufgabe von zwei bis vier Spielern, einer Straße auf der gleichnamigen Insel einen neuen Anstrich zu verpassen und damit Touristen und Anwohner zufrieden zustellen, die die Mühen dann mit reichlich Siegpunkten vergüten.

Bin ich am Zug, muss ich mindestens eine, maximal drei Karten aus einer Spalte der Auslage nehmen. Dabei kann ich von oben oder von unten beginnen, Karten zu nehmen, kann mir also nicht einfach eine einzelne Karte aus der Mitte herausklauben. Anschließend bekomme ich Geld, falls ich weniger als drei Karten aus der Auslage genommen habe (eine Münze bei zwei, zwei Münzen bei einer Karte). Dieses Geld kann ich nun sofort reinvestieren, um meine farbenfrohen Häuschen zu bauen – eine, zwei oder drei Karten dürfen gebaut werden, und je mehr ich bauen möchte, umso teurer wird es.

Walking in Burano: Spielszene Zweispieler-Partie
Eine Zweispieler-Partie „Walking in Burano“.

Beim Bauen muss ich einige Regeln beachten: Häuser dürfen selbstverständlich nur in einer einzelnen Farbe angestrichen werden, und es dürfen keine gleichfarbigen Häuser nebeneinander gebaut werden. Bis zu zwei Gerüste helfen mir, schon mit der Arbeit an höheren Etagen zu beginnen, bevor die darunter liegenden Stockwerke mit Farbe versehen wurden. Gegen einen kleinen Malus in Form abzugebender Punkte-Tokens können die Bauregeln bis zu vier Mal nach eigenem Gutdünken verbogen werden.

Außerdem gilt es, die Bedürfnisse der Touristen und Anwohner zu berücksichtigen: die darf ich einziehen lassen, sobald ich ein Haus fertiggestellt habe. Touristen schauen dabei nur auf die eigene Unterkunft und wünschen sich dort beispielsweise möglichst viel Blumenschmuck oder möglichst viele Katzen, während typische Stadtbewohner wie der Polizist, die Gärtnerin oder Santa Claus (?) das große Ganze im Auge haben (ja, der Herr im roten Mantel punktet selbstverständlich für die Anzahl der vorhandenen Schornsteine).

Walking in Burano: Spielerauslage
Ein paar Häuser sind schon fertig gestellt.

Das Spiel endet nach der Runde, in der ein Spieler sein fünftes Haus fertiggestellt hat. Die Spieler punkten für Touristen und Anwohner sowie für Läden im Parterre ihrer Häuschen. Verschlossene Fenster stören das perfekte Instagram-Bild, daher bekommt der Spieler mit den meisten geschlossenen Fensterläden einen Punktabzug. Der Spieler mit den meisten Punkten siegt!

Walking in Burano: Wertungsblock
Wie, ich habe gewonnen? Kommt bei diesem Spiel nicht so oft vor…

Ein Haus, ein kunterbuntes Haus…

Walking in Burano ist ein kleines Familienspiel, das eigentlich nur ein Problem hat, nämlich, dass es wohl keinen Innovationspreis gewinnen wird. Sets sammeln, Ziele erfüllen – das hat man alles schon hundert Mal so ähnlich gesehen. Was nicht heißen soll, dass das Spiel keinen Spaß macht; die bekannten Elemente werden hier sehr gefällig und ohne überflüssige Schnörkel miteinander kombiniert. Das Ergebnis ist ein nettes Familienspiel, das sich angenehm schlank anfühlt, und dessen Fluss mir sowohl zu zweit als auch zu dritt gut gefallen hat (zu viert ist es bislang nie auf den Tisch gekommen). Von einer Partie fühle ich mich wirklich gut unterhalten, so lange es halt dauert, und man kann es auch mit Gelegenheitsspielern ohne große Probleme hervorholen. Aber Walking in Burano ist auch ein Spiel, das unterzugehen droht in der Masse all dieser anderen wirklich netten, gefälligen, nicht wirklich bahnbrechenden Spiele, die Jahr für Jahr auf das Brettspiel-Publikum losgelassen werden.

Seine Fans wird das Spiel wohl vor allem durch die ansprechende Optik finden, denn die ist das eigentliche Alleinstellungsmerkmal des Spiels. Wenn nach und nach die Straßenzüge vor den Spielern wachsen, entwickelt Walking in Burano echte Hingucker-Qualitäten. Der befriedigende „Seht, was ich gebaut habe“-Stolz auf das eigene kleine Touristen-Paradies kann dabei sogar so weit gehen, dass er quer zum eigentlichen Spielziel läuft; eine Regel brechen, um das Spiel frühzeitig beenden zu können und die Gegner kalt zu erwischen kann manchmal sinnvoll sein, aber wer will schon seine hübsche kleine Straße mit einem unpassend gestrichenen Stockwerk verschandeln?

Walking in Burano: Fertige Spieler-Auslage
Das war in dieser Partie zwar nicht die Sieger-Straße. Aber wenigstens gibt’s hier keine unordentlich angestrichenen Häuser!

Aber: was muss das muss – denn auch wenn ich Walking in Burano gerade eben noch zu den „netten“ Spielen gezählt habe, ist da doch eine gehörige Portion Konfrontation und Wettbewerb drin: um Anwohner und Touristen, die für uns Punkte scheffeln sollen; und um bestimmte Häuser-Farben, gerade wenn jemand sich dazu entscheidet, mehr als ein Haus in derselben Farbe zu errichten. Wenn jemand mir den Anwohner wegschnappt, auf den ich es abgesehen hatte, oder das rote Dach wegreserviert, das ich dringend benötige, ist durchaus mediterranes Feuer drin in den beschaulichen Insel-Gassen (was ich absolut positiv finde – ich bin zwar im wahren Leben ein Harmonie-Freak, aber so ein Familienspiel kann mir durchaus auch ZU lieb sein).

Wer nun gerne unter die italienischen Touristenortplaner gehen möchte, kann bislang nur auf die englisch-chinesische Version von Emperor S4 zurückgreifen. Da das eigentliche Spielmaterial sprachunabhängig ist, ist das nicht das allergrößte Problem. Für diejenigen, die eine deutsche Version bevorzugen, naht jedoch bereits Hilfe in Gestalt des Verlags Board Game Circus. Wer ganz fix ist, kann bis morgen noch auf den letzten Drücker in das Crowdfunding in der Spieleschmiede einsteigen.

TL;DR

Hübsches kleines Familienspiel rund um das Sammeln von möglichst lukrativen Sets bunter Häuser-Karten. Die fertigen Häuserzeilen sind fast so ein Hingucker wie die venezianischen Originale.

Walking in Burano von Wei-Min Ling, ein Spiel für 1-4 Spieler ab 10 Jahren, erschienen 2018 bei Emperor S4 (Deutsche Version von Board Game Circus in Vorbereitung). Spielzeit: ca. 20-40 Minuten. Preis: ca. 15€.

Typ:
Familienspiel
Wertung:
– solide

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