Lost Cities: To Go (Rezension)

Lost Cities – der Name klingt nach Schatzsuche, nach Indy und Lara, nach Fallen und Fieslingen. Nur der Zusatz To Go mag nicht so recht zum Traum vom großen Abenteuer passen – das hört sich doch mehr nach Schreibtischtäter als nach verwegenem Grabräuber an. Was taugt der Mitnehm-Neuaufguss des Knizia-Klassikers unterm Strich?

Ruinen für die Hosentasche

Lost Cities: To Go ist die jüngste Mitnehmspiel-Variante des klassischen Zweispieler-Kartenspiels Lost Cities. Wie im bekannten Vorbild ringen in zwei Kontrahenten darum, durch das legen von Expeditionen (im Original Karten, hier nun Plättchen) der gleichen Farbe in aufsteigender Zahlenreihenfolge die meisten Punkte zu erzielen. Der Haken an der Sache ist, dass so eine Expedition erstmal kostet und der Spieler in Vorleistung gehen muss – eine begonnene Expedition schlägt mit zwanzig Minuspunkten zu Buche, für jede gelegte Zahl gibt es anschließend Pluspunkte entsprechend des Zahlenwerts. Wettplättchen, die nur am Anfang einer Expedition gelegt werden dürfen, verdoppeln den Wert der Zahlenreihe am Ende der Runde – egal ob diese im positiven oder im negativen Bereich abschließt. Der Abenteurer, der nach drei Spielrunden die meisten Punkte verbuchen kann, gewinnt.

Zu Beginn einer Runde Lost Cities: To Go werden die 64 Plättchen – jeweils Zahlenwerte von 2 bis 10 sowie drei Wettplättchen in jeder Farbe, sowie vier Überfallplättchen – verdeckt gemischt und in der Mitte des Tisches für beide Spieler erreichbar ausgelegt. Jeder Spieler bekommt ein Lager, in dem er bis zu zwei Plättchen zwischenlagern kann, und dann geht es los.

Lost Cities Spielsituation
Die Expedition hat begonnen.

Wenn ich am Zug bin, kann ich eine von drei möglichen Aktionen durchführen:

  1. Ich kann ein verdecktes Plättchen aufdecken. Ist es ein Zahlen- oder Wettplättchen, habe ich anschließend die Wahl, es sofort an eine Expedition anzulegen, in meinem Lager zwischenzulagern oder es offen liegen zu lassen. Ein Sonderfall sind die Überfall-Plättchen: decke ich ein solches Plättchen auf, kann ich damit ein beliebiges Plättchen aus der Auslage oder aus meinem Lager aus dem Spiel entfernen.
  2. Ich kann ein offen ausliegendes Plättchen nehmen und an eine Expedition anlegen oder zwischenlagern.
  3. Ich kann ein Plättchen aus meinem Lager  an eine Expedition anlegen.
Lost Cities: To Go - Plättchen
Wett-, Zahlen- und Überfallplättchen.

Die niedrigen Zahlenplättchen (2-4) einer jeden Farbe ermöglichen mir zudem eine Bonusaktion: lege ich ein solches Plättchen an eine Expedition an, darf ich sofort ein weiteres verfügbares Plättchen an die gleiche Expedition anlegen (sofern möglich). Anschließend ist mein Gegenspieler an der Reihe. Eine Spielrunde endet, sobald das letzte verdeckte Plättchen aufgedeckt wurde, und anschließend wird abgerechnet:

  • Jede begonnene Expedition schlägt mit 20 Minuspunkten zu Buche.
  • Anschließend gibt es Pluspunkte entsprechend der Zahlenwerte der Expedition.
  • Liegen Wettplättchen in der Expedition, wird das Ergebnis entsprechend der Anzahl der Wettplättchen mit 2, 3 oder 4 multipliziert.
  • Für eine Reihe aus mindestens 8 Plättchen gibt es 20 Sonderpunkte.

Die Punkte werden zusammengezählt und notiert, und es wird eine neue Spielrunde vorbereitet. Wer nach drei Runden die meisten Punkte verbuchen kann, gewinnt.

Sollen die Städte doch verloren bleiben…

Eigentlich starten kurze Zweispieler-Spiele bei uns zu Hause schon mal mit einem Standortvorteil. Ich spiele sehr oft abends unter der Woche zu zweit mit meiner Frau, und dann darf es gerne etwas flottes und leichtgängiges sein. Oft verbeißen wir uns dann für eine ganze Weile in ein Spiel, das wieder und wieder auf dem Tisch landet, bis wir es irgendwann fürs erste „durch“ haben. Ist das Spiel wirklich gut, bleibt es dann auch dauerhaft in der Rotation. Lost Cities: To Go hat diesen Startbonus leider nicht nutzen können. Nach nur einer Hand voll Partien habe ich den Eindruck, dass ich das Spiel nicht vermissen würde, wenn es jemand nachts heimlich aus unserem Spieleregal entwenden sollte.

Das kleinere Problem ist die nicht rundum gelungene grafische Gestaltung. Manche Farben lassen sich bei suboptimaler Beleuchtung nur sehr schwer von anderen unterscheiden. Besonders die Plättchen der schwarzen Expedition sind doch teilweise sehr rotstichig, und die blaue und grüne Expedition kommen sich im türkisen Spektrum bedenklich nahe. Zusätzliche Symbole, die die Unterscheidung erleichtern, gibt es nicht.

Lost Cities To Go Farben Vergleich
Die Farben der Plättchen sind für meinen Geschmack manchmal zu dicht beieinander.

Das größte Problem ist jedoch die Design-Entscheidung, das Spiel (vermeintlich) reisetauglicher zu machen und vom originalen Lost Cities abzugrenzen, indem die Karten durch Plättchen ersetzt werden. Abgesehen davon, dass die Platzersparnis gegenüber einem Kartendeck eher zweifelhaft ist – schließlich müssen zu Spielbeginn über 60 Plättchen auf dem Tisch verteilt werden – hat diese Lösung einen entscheidenden Nachteil: ich habe dem Gegner keine Informationen voraus, auf denen meine Entscheidungen basieren könnten, und ich muss auch nicht in meine Überlegungen einbeziehen, dass mein Gegner für mich geheime Informationen hat. Beide Spieler sind gleich informiert bzw. uninformiert.

Lost Cities: To Go ist zwar trotzdem nicht ganz frei von taktischen Überlegungen: hat mein Gegner noch Plätze frei, um mir ein Plättchen weg zu reservieren? Wie viele Überfälle warten noch darauf, aufgedeckt zu werden?  Welche Plättchen einer Farbe sind überhaupt noch im Spiel? Doch viele Entscheidungen wirken auf mich offensichtlich (vielleicht mit Ausnahme der Wettplättchen), da ich eben keine Informationen in der Hinterhand habe. Decke ich beispielsweise in meinem ersten Zug eine 8, 9 oder 10 auf, werde ich das Plättchen höchstwahrscheinlich reservieren. Damit telegraphiere ich zwar sofort heraus, dass ich ab jetzt auf Plättchen dieser Farbe lauere, aber das Plättchen einfach dem Gegner zu überlassen, bringt mich schließlich auch nicht weiter. Bei einer 2 oder 3 werde ich dagegen nicht auf mögliche spätere Bonusaktionen hoffen, sondern sofort eine Expedition beginnen; andernfalls ist das Plättchen eh gleich weg. Das führt dazu, dass das Spiel arm an Höhepunkten vor sich hinplätschert.

Die gleichmäßige Uninformiertheit der Spieler leitet noch zu einem weiteren Problem über: das Spiel ist leider für meinen Geschmack zu glückslastig.  Die am Original orientierte Punktezählung balanciert das nur in ungenügendem Maße aus: wir spielen drei Runden, und Gesamtsieger ist derjenige Spieler, der über drei Runden insgesamt die meisten Punkte einfahren konnte. Wenn man zwei enge Runden für sich entscheiden kann und dann in der Gesamtwertung verliert, weil man in Runde drei durch ein paar unglückliche eigene und glückliche gegnerische Züge mal eben mit fünfzig Punkten Unterschied verliert, fühlt sich das schon extrem frustrierend an. Ebenso sinkt die Lust auf zwei weitere Runden rapide, wenn schon Durchgang eins extrem ausfällt. Eine Punktezählung á la Jaipur – dort gibt einen Punkt für jede gewonnene Runde, der erste Spieler mit zwei Punkten gewinnt – hätte sich für mich fairer angefühlt.

Unterm Strich erweist sich Lost Cities: To Go leider als wenig abenteuerlich – in diesen verlorenen Städten gibt es für mich wenig zu holen, was zu einer erneuten Entdeckungstour auffordern würde. Damit bestätigt sich leider einmal mehr der Trend, dass die Mitbringspiel-Varianten bekannter Brett- und Kartenspiele den Originalen nur selten das Wasser reichen können.

TL;DR

Leider schwächer als das Original: beim Mitbringspiel-Ableger des Knizia-Klassikers kommt auf Grund des hohen Glücksfaktors keine rechte Spannung auf.

Lost Cities: Das Abenteuer To Go von Reiner Knizia, ein Spiel für 2 Spieler ab 8 Jahren, erschienen 2018 bei Kosmos. Spielzeit: 20 Minuten. Preis: ca. 7€.

Typ:
Familienspiel
Wertung:
– mäßig

Ein Gedanke zu „Lost Cities: To Go (Rezension)“

  1. Danke für die schöne und ausführliche Rezi! Ich wusste nicht, dass es das gibt. Ich habe nur mal den Brettspielableger auf dem Tisch gehabt und war auch nicht wirklich aus dem Häuschen.

    Ich erkenne auch nicht wirklich, was an dieser Ausführung „to go“ sein soll 😛 Die Karten sind zwar kleiner, aber doch deutlich dicker und klobiger und nehmen auch noch viel Platz auf dem Tisch weg.

    Mir scheint auch alles hier zu fehlen, was mir bei Lost Cities gefällt. An sich ist es auch nur ein einfaches auslegen von Zahlenkarten in Farbreihen, aber gerade so viel Lost Citites aufgemacht ist, wird dieses einfache Prinzip richtig spannend. Ich denke auch, es kann auch nur so wirklich funktionieren. Alles andere scheint ja nicht zu fruchten 🙁 Schade eigentlich…

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