Santorini (Rezension)

Einer der Trends im letztjährigen Essen-Lineup waren abstrakte Spiele, durch thematischen Überbau und liebevolle Aufmachung als Familienspiele „getarnt“: Azul von Michael Kießling haben wir selbst mit nach Hause genommen, während die Bestände von Photosynthesis von Hjalmar Hach bereits komplett erschöpft waren. Ebenfalls  bereits ausverkauft war Santorini, ein Spiel rund um weiße Türmchen und knuffige Baumeister. Dank meiner Frau hat es nun zu meinem Geburtstag endlich den Weg in unser Spieleregal gefunden – und wurde natürlich gleich ausgiebig getestet.

Göttliche Baumeister auf der Urlaubsinsel

Santorini ist ein abstraktes Spiel, dessen Optik sich an den ikonischen weißen Häusern und blauen Kuppeln der griechischen Insel Santorin orientiert. Im Grunde hauptsächlich als Zweispielerspiel entwickelt, ist Santorini auch zu dritt oder (in Teams) zu viert spielbar.

Santorini Spielfiguren
Die Baumeister-Spielfiguren gibt es in drei Farben. Zu viert wird mit zwei Farben in Teams gespielt.

Die Idee hinter dem Spiel ist einfach: jeder Spieler bewegt die beiden Baumeister seiner Farbe über ein quadratisches Spielbrett mit fünf mal fünf Feldern. Ziel ist es, eine eigene Figur auf einen dreistöckigen Turm zu ziehen. Schafft man das, gewinnt man sofort das Spiel.

Ist man am Zug, muss man eine seiner beiden Figuren auf ein Nachbarfeld (auch diagonal) bewegen, wobei man sich maximal eine Ebene nach oben, aber beliebig viele Ebenen nach unten bewegen kann. Danach muss man auf einem Nachbarfeld des gezogenen Baumeisters bauen. Jedes Türmchen darf bis zu drei Etagen hoch werden, und auf die dritte Etage darf noch eine Kuppel gesetzt werden, die den Turm abschließt und unbegehbar macht. Kann man keinen seiner Arbeiter ziehen (oder anschließend nicht mehr regelkonform bauen) verliert man das Spiel.

Santorini Spielsituation
Eine Partie in vollem Gange.

Soweit das Grundkonzept von Santorini. Für alle, die nach ein paar flott gespielten Einstiegspartien gerne ein bisschen Abwechslung haben möchten, findet sich in der Schachtel ein Stapel mit 30 knuffig illustrierten Götterkarten. Diese bringen jedem Spieler eine Spezialfähigkeit, die jeweils nur für seine Arbeiter gilt (oder in einigen Fällen: die Arbeiter des Gegners einschränkt). Ares etwa kann bereits gebaute Steine wieder einreißen, Hermes flitzt um das ganze Spielfeld herum, solange er dabei weder herauf- noch herabsteigt, und der Minotaurus schubst ganz frech die gegnerischen Arbeiter von ihrem Platz.

Wer hätte gedacht, dass Treppensteigen so viel Spaß machen kann

Santorini hat uns wirklich positiv überrascht und ist bei meiner Frau und mir voll eingeschlagen. Es spielt sich luftig-leicht und zackig – das schafft nicht jedes Spiel mit abstraktem Kern. Photosynthesis etwa (das mir durchaus auch gefällt) kommt mir im Vergleich wie eine bierernste und stellenweise hundsgemeine Angelegenheit vor. Zwar ist auch Santorini ein Spiel, das Vorausplanung über mehrere Züge belohnt: aber erstens kann ich Fehlplanungen ab und an durch das Setzen einer Kuppel wieder ausbügeln, und zweitens dauert ein Spiel nur eine Viertelstunde, nach der es wahrscheinlich sowieso ein Rückspiel gibt. Dadurch wirkt Santorini für mich weniger angespannt und besser geeignet als Familienspiel.

Das Einsteigerspiel ist nett, aber das Salz in der Suppe sind für mich ganz klar die Götterkarten, die den Spielablauf in jeder Partie ein kleines bisschen verändern, indem sie beiden Spielern eine Sonderfähigkeit geben. Das kann man für asymmetrischen Schnickschnack halten, wie Ingo von Spielkult.de, der sein Santorini lieber pur genießt. Meines Erachtens machen sie aus einem soliden Spiel ein grandioses, denn sie zwingen die Spieler in jeder Partie ein kleines bisschen zum Umdenken und ermöglichen es, andere Herangehensweisen auszuprobieren, ohne dem Spiel die Leichtigkeit zu nehmen.

Santorini Götterkarten
Dreißig verschiedene Götterkarten sorgen für Abwechslung.

Dass dabei nicht jede Gottheit gegen jede andere hundertprozentig ausbalanciert ist mag schon sein. Aber: das Ausprobieren verschiedener Götter-Kombinationen macht für mich gerade den Reiz des Spiels aus. Immerhin 435(!) verschiedene Paarungen gilt es zu entdecken, und da ist es zu verschmerzen, wenn diese oder jede Kombination deutlich zu Gunsten einer der beiden Gottheiten ausfallen sollte. Bei momentan 50 gespielten Partien würde ich persönlich mir auch noch gar kein Urteil darüber erlauben, welcher Gott nun „overpowered“ oder „underpowered“ sein könnte. Dafür haben wir immer noch viel zu wenige Kombinationen ausprobiert.

Fast alle dieser Stand heute 57 gespielten Partien habe ich übrigens zu zweit gespielt. Für mich ist Santorini ganz klar ein Zweispielerspiel mit einer netten Option, auch zu dritt zu spielen; das Teamspiel zu viert haben wir bislang noch gar nicht ausprobiert. Der Designer sieht das anscheinend ähnlich: die Regeln für das Spiel zu dritt werden beinahe widerwillig auf der letzten Seite des Regelheftchens geliefert, mit der vorausgehenden Anmerkung versehen, dass sich das Spiel doch am besten zu zweit spiele.

Was bleibt abschließend noch zu dem Spiel zu sagen? Santorini ist schon jetzt – gute acht Wochen nachdem es den Weg in meine Sammlung gefunden hat – eines meiner meistgespielten Spiele und wird wohl noch eine ganze Weile in Dauerrotation bleiben. Wenn es nach mir ginge, wäre die knuffige Türmchenbauerei durchaus ein „Spiel des Jahres“-Kandidat. Auch wenn das nicht passieren sollte: zumindest in meinem Spielerherzen hat Santorini seinen roten Pöppel sicher.

TL;DR

Knuffige griechische Kopffüßler liefern sich einen fesselnden Wettstreit im Treppensteigen. Schnelles abstraktes Spiel mit enormem Widerspielreiz, dass die grauen Zellen fordert, ohne dabei zu verkopft zu wirken. 

Santorini, von Gordon Hamilton, ein Spiel für 2-4 Spieler ab 8 Jahren, erschienen 2017 bei Spin Master Games. Spielzeit: ca. 20 Minuten. Preis: ca. 30€.

Typ:
Familienspiel
Wertung:
– ausgezeichnet

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