Exit: Das Spiel – Staffel 1 (Rezension)

Exit Cover

Es gibt Dinge, die einfach überall sind, sobald man einmal begonnen hat, auf sie zu achten – zum Beispiel Escape Rooms. Allein in Hannover gibt es mittlerweile sechs Anbieter, und selbst die Großraum-Rockdisco, in der ich mich in früheren Jahren öfter mal rumgetrieben habe, führt mittlerweile ein Doppelleben als Knast auf Zeit für ausbruchwillige Rätselfreunde. Doch nicht nur die „großen“ Escape Rooms schießen wie Pilze aus dem Boden: Gesellschaftsspiele wie Exit: Das Spiel wollen das Spielgefühl der großen Vorbilder auf den heimischen Wohnzimmertisch holen.

Sie heißen Unlock!Deckscape oder eben Exit: Das Spiel: Escape Room-Spiele liegen derzeit voll im Trend. Insbesondere die Exit-Reihe des dynamischen Autorenduos Inka und Markus Brand ist spätestens durch die diesjährige „Kennerspiel des Jahres“-Auszeichnung in aller Munde. Trotz anfänglicher Skepsis bin auch ich letztlich nicht um Exit: Das Spiel herum gekommen und habe nun mittlerweile die drei Teile der ersten „Staffel“ gespielt. Wie sich das für einen Hobby-Blogger gehört, habe ich zu allem Überfluss sogar noch eine Meinung zu Die verlassene HütteDas geheime Labor und Die Grabkammer des Pharaos.

Was ist nun eigentlich so ein Escape Room-Spiel? Jede Box von Exit: Das Spiel entführt die Spieler in eine missliche Lage, aus der sie sich unter Zeitdruck befreien sollen. Wir spielen also mit bis zu sechs Personen kooperativ miteinander. Verlieren können wir trotz der vermeintlichen Eile strenggenommen nicht – allerdings gibt es am Spielende eine Punktzahl, mit der wir unsere Leistung (oder Nichtleistung) einschätzen können.

Das Spielmaterial ist immer ähnlich. Nach der Lektüre des Regelheftchens bietet ein Büchlein mit verschiedenen Hinweisen und Rätseln den Einstieg. Weitere Rätsel erhalten wir durch rote Rätsel-Karten, die wir im Spielverlauf finden. Alle Rätsel sind mit einem geometrischen Symbol gekennzeichnet. Ihre Lösung erfordert immer in irgendeiner Form das Auffinden eines dreistelligen Zahlencodes, dessen Richtigkeit wir mit Hilfe einer Decodierscheibe und eines nummerierten Lösungskartendecks überprüfen. Erweist sich ein Rätsel mal als zu knifflig, können wir bis zu zwei Tipps in Form von Hilfe-Karten in Anspruch nehmen, oder als Ultima Ratio das Rätsel gänzlich auflösen. Ach ja, und sogenannte „seltsame Teile“ finden sich auch meist in der Box – je nach Szenario unterschiedliche Pappformen, deren Bedeutung es erst zu entschlüsseln gilt.

Exit Spielmaterial
Decodierscheibe, Buch und die verschiedenen Kartendecks finden wir so ähnlich in jedem Exit-Spiel wieder.

Jedes Exit lässt sich nur genau einmal durchrätseln. Das liegt nicht nur daran, dass wir nach einem Durchgang die Auflösung kennen würden; wir zerstören außerdem Komponenten, indem wir nach Herzenslust Spielmaterial bemalen, falten oder zerschneiden. So weit, so klar? Dann könnt Ihr mir Box für Box folgen und nachlesen, wie mir die Rätselei gefallen hat – oder Ihr seid ungeduldig und springt direkt zum Fazit.

Die verlassene Hütte

Begonnen hat unser Raumflucht-Abenteuer vor einigen Monaten mit Die verlassene Hütte. Ich muss zugeben, ich war anfangs nicht sicher, was ich mit dem Spielkonzept anfangen soll. Ich hatte bisher nur mildes Interesse an der Sache mit den Escape Rooms, und die Wegwerfnatur der Exit-Reihe fand ich abschreckend. Aber man wollte ja wissen, worum es bei dem ganzen Hype geht, und so landete Die verlassene Hütte als Impulskauf im Einkaufswagen.

Die verlassene Hütte war also ein Experiment – und zwar eins, das voll eingeschlagen ist. So sehr, dass das Spiel nicht nur Pandemic Legacy den Platz als Hauptevent des Abends streitig gemacht hat; im Nachhinein waren wir uns dann auch noch einig, dass wir dringend mal gemeinsam einen Escape Room besuchen müssen.

Wir haben zu viert (mit der Pandemic Legacy-Runde) gespielt, was denke ich eine gute Spielerzahl war. Nur eine Mitspielerin hatte bereits Escape Room-Vorerfahrung und wusste daher schon mal ungefähr wie der Hase läuft. Am skeptischsten war ich eigentlich selbst. Ich weiß ja, dass ich nicht so der Rätsel-Crack bin und bei PC-Adventures wie Monkey Island oder Deponia regelmäßig einen Rappel bekomme und frustriert die Komplettlösung zu Rate ziehe. Durch die Teamsynergien blieben solche Frustrationen hier jedoch vollkommen aus (naja, bis auf dieses eine Rätsel vielleicht).

Die verlassene Hütte hat für eine meiner kurzweiligsten, spannendsten und interaktivsten Spielerfahrungen überhaupt gesorgt. Das Spiel hat es geschafft, uns schnell einige Erfolgserlebnisse und Aha-Momente zu verschaffen, gleichzeitig aber auch immer eine Herausforderung zu bieten. Die Zeit ist während des Grübelns, Puzzelns und Probierens nur so verflogen, ohne dass das positive Dringlichkeitsgefühl in negativen Stress umgeschlagen wäre.

Letztendlich haben wir unser erstes Exit in 79:19 Minuten abgeschlossen, vier Hinweise benötigt und somit 5 Sterne verdient. Wer das Spiel schon gespielt hat und wissen möchte, wo es gehakt hat, darf in den folgenden Spoiler-Tag schauen.

Achtung, Spoiler!

Die verlassene Hütte war unser erstes „Exit“-Spiel, und das hat sich auch bemerkbar gemacht. Natürlich wussten wir, dass wir Material beschriften, falten oder zerschneiden dürfen. Trotzdem haben wir beim Domino-Rätsel wertvolle Zeit verloren, weil wir erst mal angefangen haben, Sequenzen von Teilen auf Notizpapier aufzuschreiben. Argh! Als wir endlich darauf gekommen waren, die Dominos auszuschneiden ging es flott, und es mussten nicht mehr drei Spieler tatenlos herumsitzen.

Der einzige Punkt, an dem wir richtig an die Wand gefahren sind, war das Ding mit dem Strichcode. Da hingen wir endlos, und die erste Hinweiskarte hat auch nichts Neues gebracht. Darauf gekommen, einfach mal die Box zu checken, sind wir erst mit dem zweiten Hinweis, dabei hätten wir ja bereits gewarnt sein sollen.

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Einzelwertung: Note 1 „sehr gut“

Das geheime Labor

Das geheime Labor war unser zweites Exit und zugleich unser zweites Escape Room-Spiel. Dieses Mal waren wir zu dritt, wobei drei der vier Spieler der verlassenen Hütte mit an Bord waren. Statt in einer abgelegenen Waldhütte schloss sich diesmal in einem unheimlichen Labor die Türe hinter uns, und so galt es, einem kurzen, aber unerfreulichen Dasein als Versuchskaninchen zu entrinnen.

Heftchen, Decodierscheibe, Timer anwerfen – das Grundprinzip war ja dieses Mal bereits bekannt. Trotzdem kamen wir erst nicht so richtig ins Spiel hinein, weil uns gefühlt einfach der Ansatzpunkt gefehlt hat. Ruckzuck waren 45 Minuten verflogen, ohne dass wir wirklich Fortschritte zu verzeichnen hatten. Danach lief es doch noch recht flüssig. Gut gefallen haben mir die vielen kleinen Easter Eggs – bei der verlassenen Hütte war mir so etwas noch nicht aufgefallen. Gefehlt haben mir dieses Mal die richtig spektakulären „Aha“-Momente. Alle Rätsel haben Spaß gemacht, aber so richtig überrascht hat mich das Spiel dieses Mal nicht, weshalb Das geheime Labor in der Einzelwertung auch nur ein „gut“ kassiert. Während ich noch ziemlich genau weiß, wo uns die Hütte völlig aus den Socken gehauen hat, habe ich die meisten Rätsel aus dem Labor bereits mehr oder weniger vergessen. Aber: Geschmäcker sind verschieden. Meiner Frau hat dieser Teil von allen Exits der ersten Staffel am besten gefallen.

Im Labor waren wir übrigens besonders langsam: insgesamt haben wir 94:36 Minuten und eine Hilfe-Karte gebraucht. Unterm Strich gab es also abermals nur fünf Sterne.

Einzelwertung: Note 2 „gut“

Die Grabkammer des Pharao

Ich gestehe: vor dem dritten Teil der Reihe hatte ich gehörigen Respekt. Schließlich haben wir uns bereits bei den ersten beiden Teilen nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert, und Die Grabkammer des Pharaos ist das einzige Spiel der ersten Staffel, dass vom Verlag unter der Schwierigkeit „Profi“ geführt wird. Da traf es sich gut, dass unser dynamisches Rätselteam wieder die komplette Viererbesetzung hatte; in der Hoffnung auf erhöhte Synergieeffekte stolperten wir daher frohen Mutes ins Pharaonengrab hinein, in dem wir natürlich prompt fest saßen.

Kein Problem, denn schließlich stand uns wieder die bereits bewährte Kombi aus Büchlein, Karten und Decodierscheibe zur Verfügung, wobei letztere dieses Mal mit einer Reihe von Hieroglyphen bebildert war. Die waren zwar schnell entschlüsselt, stellten bei der mündlichen Übermittlung unter Zeitdruck dennoch manches Mal eine Hürde dar („Schnell! Flugente, Skarabäus und dieser Mensch mit den wedelnden Armen! Wie, welche Flugente?“).

Natürlich gab es auch dieses Mal wieder ein Rätsel bei dem wir komplett auf dem Schlauch standen, aber auch wieder eine coole Überraschung (zu beidem bei Interesse mehr im Spoiler-Tag). Wir haben außerdem festgestellt, dass die Wahrnehmung der Schwierigkeitsstufen durchaus unterschiedlich sein kann: in der vermeintlich besonders schweren Grabkammer konnten wir unser bislang bestes Ergebnis verbuchen.  67:42 Minuten und zwei Hilfekarten bedeuten immerhin sieben Sterne. So kann es weitergehen!

Achtung, Spoiler!

Besonders cool finde ich es ja, wenn die Autoren sich mal wieder einen Weg ausgedacht haben, wie das begrenzte Spielmaterial in überraschender Weise eingesetzt werden kann. Die Hütte hatte ja bereits Elemente der Box als Verstecke für Hinweise verwendet. Das Pharaonengrab benutzt nun das Box-Inlay. Coole Idee!

Unnötig aufgehängt haben wir uns dagegen an dem „Eksit“-Rätsel. Auf dieses dämliche Schokoladeneis hätte man nun wirklich kommen können, schließlich ist man schon im Einleitungstext darüber gestolpert. Naja gut, da musste halt eine Hilfekarte her.

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Einzelwertung: Note 1 „sehr gut“

Erfolgreich entkommen – und jetzt?

Wie eingangs erwähnt war ich anfangs eher skeptisch, was den Hype um Escape Room Spiele angeht. Nach drei Runden kann ich sagen: mit Exit: Das Spiel würde ich mich jederzeit wieder einschließen lassen.

Natürlich kann man Exit: Das Spiel nicht rezensieren, ohne auf den Elefanten im Raum zu sprechen zu kommen: jede Box ist ein Einwegspiel, das nicht noch einmal gespielt werden kann, weil das Material geknickt, beschrieben, zerrissen oder zerschnitten wird. Kann man Exit auch spielen, ohne Material zu zerstören? Vielleicht, wenn man es wirklich darauf anlegt. Aber irgendwie ginge das gegen die Immersion, die eigentlich die große Stärke des Spiels ausmacht.

Exit: Das Spiel ist ein Event, für das alles parat sein muss. Es verlangt nach Spielern, die sich in das Spielerlebnis hineinziehen lassen. Da geht niemand einfach mal mitten drin raus, um Getränkenachschub zu holen oder ein Radiergummi zu suchen. Auch Toilettengänge sind tunlichst vor- und nachher zu erledigen – man könnte ja was verpassen und will die Gruppe nicht aufhalten! Ich kann mir daher auch nicht vorstellen, vor dem spontanen Schnippeln erst noch mit dem Büchlein oder irgendeiner Karte zum Kopierer zu rennen. Wenn die Uhr läuft, wird schnell und instinktiv gehandelt und keine Rücksicht auf den Wiederverkaufswert genommen.

Bei näherer Betrachtung ist die Zerstörbarkeit des Materials sogar eher eine Stärke als eine Schwäche; denn die Einweg-Natur des Spiels ermöglicht die clevere Verwendung der immer gleichen Spielelemente, die ohne Zerstörung des Materials so nicht immer umsetzbar wäre. Man geht mit einer Alles-ist-möglich-Mentalität an die kleine Box heran, da man nie genau wissen kann, womit unser selbstgewählter Pappknast uns dieses mal überrascht – und vergisst dabei vollkommen, dass man rein vom Material her im Grunde ein profanes Kartenspiel spielt.

Zum Schluss noch ein Wort noch zu einem Spielelement, dass bei all dem Lob des Kaputtmachendürfens nicht vergessen werden sollte. Den Auflösungsmechanismus mit der Decodierscheibe und dem Kartendeck finde ich wirklich superklasse. Der ist wirklich zackig zu handeln, flexibel und so herrlich minimalistisch – gerade in Zeiten der zunehmenden App-Integration ja keine Selbstverständlichkeit.

Man ahnt es bereits bei so viel Lob: mich hat Exit: Das Spiel voll überzeugt – und damit hatte ich nun wirklich vorher nicht gerechnet. Inka und Markus Brand und der Kosmos-Verlag haben wirklich einen Volltreffer gelandet, den ich allen Knobelfreunden herzlich empfehlen möchte. Staffel 1 erhält von mir unterm Strich die Höchstwertung – und ich freue mich schon darauf, mich demnächst wieder einsperren zu lassen. Vielleicht auf einer Burg, in einer Forschungsstation oder auf einer vergessenen Insel…

 

TL;DR

Ganz großes Kino für alle Rätselfreunde: das clevere Spielsystem von „Exit“ bringt den Escape Room im Kleinformat nach Hause. Jede Box ist mit einer Partie „verbraucht“, aber das Spielerlebnis klingt lange nach.

Exit: Das Spiel – Die verlassene Hütte, Exit: Das Spiel – Das geheime Labor und Exit: Das Spiel – Die Grabkammer des Pharao von Inka und Markus Brand, für 1-6 Spieler ab 12 Jahren, erschienen 2016 bei Kosmos. Spielzeit: 45-90 Minuten. Preis: ca. 12€.

Typ:
Kennerspiel
Wertung:
Note 1 – sehr gut

 

* Titelbild: © KOSMOS 2017

3 Gedanken zu „Exit: Das Spiel – Staffel 1 (Rezension)“

  1. Schließe mich dem voll und ganz an. Die Exit-Spiele sind wirklich super! Die Grabkammer habe ich jetzt noch nicht gespielt, aber was ich von den anderen beiden Vertretern der Familie gesehen habe, hat mich voll und ganz überzeugt. Der Mechanismus mit der Decodierscheibe und den Lösungskarten sind zwar bei genauer Betrachtung recht simpel, aber ich finde ihn absolut genial. Bisher haben mir so gut wie alle Rätsel gefallen. Besonders die aus der Hütte fand ich sehr innovativ und gelungen. Mit der passenden Gruppe wird das Spiel zum richtigen Krimidinner 🙂 Am Anfang mag man vielleicht erst zögern, wenn man kurz davor ist etwas zu zerreißen, auszuschneiden oder zu bekritzeln, doch wenn man sich dann mal überwunden hat, hört man gar nicht mehr damit auf. Auch wenn es etwas schade darum ist, anders wäre es sicher nicht so spannend und viele Rätsel würden auf der Strecke bleiben. Am Ende bleibt einem immerhin ein Spielekarton, voll mit Erinnerungen an den fesselnden Abend. Der Zehner ist es mir da auf jeden Fall wert und man kann es sich bei dem kleinen Betrag mal gönnen, vor allem, wenn sich jeder beteiligt. Ich bin schon auf die Grabkammer und natürlich auf all die anderen Teile umheimlich neugierig und versuche in Geduld mich zu üben. Nach Weihnachten geht es hoffentlich dann auch bei uns wieder weiter. Mal schauen mit wir das nächste Mal zusammen eingesperrt werden^^

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