Aufgetischt: SPIEL ’17 und Legend of the Five Rings (Oktober 2017)

Was soll schon in einem spielerischen Monatsrückblick für Oktober vorkommen? Natürlich der obligatorische Essen-Rückblick. Aber auch abseits der Messe wurde gespielt, zum Beispiel das neue Asmodee-LCG Legend of the Five Rings.

BoardGameStats Oktober 2017

SPIEL 2017 – wir waren dabei (so ein bisschen jedenfalls)

Im Monatsrückblick eines Brettspielers auf Oktober würde etwas fehlen, wenn die Messe SPIEL in Essen unerwähnt bleiben würde. Vorneweg eine wenig überraschende Erkenntnis: ein Tag ist viel zu wenig, um alles zu sehen und zu tun, was die SPIEL zu bieten hat. Das war vorher klar, aber mehr war dieses Jahr einfach nicht drin. Sehr gerne hätte ich zum Beispiel beim Bloggertreffen vorbeigeschaut, das Matthias Nagy von den Bretterwissern organisiert hat – zeitlich war das dieses Jahr leider einfach nicht machbar. Nächstes Jahr kann ich hoffentlich endlich mal zwei bis drei Tage einplanen.

Ich bin ja bei weitem noch nicht so Messe-erfahren wie so mancher alter Hase. Meine persönliche Essen-Premiere habe ich erst im letzten Jahr gefeiert – auch da waren meine Frau und ich für einen Tagestrip am Samstag da. Überrascht waren wir, wie sehr uns die ersten paar Minuten in den Hallen erschlagen haben. Eigentlich wussten wir ja, was auf uns zu kommt, aber die Eindrucksflut ist dann doch enorm, und wir brauchten erst einmal einen Moment um uns zu sammeln. Der Stress war zum Glück verflogen, sobald wir uns für das erste Spiel des Tages niedergelassen hatte.

Wenn man mich nun fragen würde, was der Trend der Messe war, würde ich wohl zwei Wörtchen nennen: „sold out“. Klar, wir waren erst am Samstag da, also mussten wir ohnehin mit erschwerten Bedingungen arbeiten. Im Nachhinein ist es ein Wunder, dass wir bei Jugame Studio nicht ausgelacht wurden, denn Perfect Hotel war ja scheinbar bereits am Donnerstagmorgen vergriffen. Auch die Jagd nach Photosynthesis und Santorini war dementsprechend vergebens. Ich hätte das als rein subjektive Beobachtung abgetan, denn letztes Jahr hatten wir uns noch stärker treiben lassen und haben weniger nach begehrten Neuheiten gesucht. Aber auch andere, wie etwa Spieleautor Alexander Pfister, scheinen eine ähnliche Wahrnehmung gehabt zu haben.

Aber, ausverkaufte Titel hin oder her: es gab immer noch mehr als genug auszuprobieren, und wie schon letztes Jahr gab es auch dieses Mal eine Überraschung, die wir noch gar nicht auf dem Schirm haben, nämlich das tolle Fog of Love. Eine romantische Komödie zum selber Spielen verspricht uns dieser Vorjahres-Kickstarter, und ist das Spiel ein schöner Beleg dafür, dass thematisch-narrative Spiele nicht nur in klassichen Rollenspielsettings funktionieren. Die Spieler verkörpern jeweils einen Hauptcharakter einer typischen Lovestory. Am Spielbeginn bekommt man einen Job, mehrere Attribute sowie geheime Ziele verpasst, und schon kann es mit dem ersten Date losgehen. 

Gesteuert wird das Spiel über Ereigniskarten, die einen oder oft auch beide Spieler mit einer Situation konfrontieren und vor eine Wahl stellen, die dann die verschiedenen Attribute (z.B. introvertiert vs extrovertiert) oder auch den „Love“-Score der Partner beeinflusst. Besonders spannend fand ich die Spielendbedingungen, die in Form zweier identischer Kartendecks daherkommen, die von den Spielern nach und nach ausgedünnt werden. Je nach gewählten Karten können die Spieler am Ende gemeinsam oder alleine gewinnen – oder auch beide verlieren, wenn am Ende keiner von beiden bekommt, was er eigentlich wollte. Das Spiel glänzt so richtig, wenn sich die Spieler in die Motivationen ihrer Charaktere hineinversetzen und Fog of Love ein Stück weit als Rollenspiel verstehen. Wir waren beide begeistert und hätten gerne eine Kopie mitgenommen – leider stand das Spiel aber nicht zum Verkauf, da die Lieferung beim deutschen Zoll hängengeblieben war.

Essen 2017 - Fog of Love
Fog of Love sorgt bei meiner besseren Hälfte für Begeisterung.

Unser persönlicher „Loot Pile“ aus Essen ist letztendlich recht überschaubar ausgefallen. Meine Frau hat sich auf Tiefseeabenteuer von Oink Games gestürzt, außerdem haben wir noch Azul und ein Abenteuermodul für Dungeon World eingepackt. Dafür können wir eine Woche nach der Messe behaupten, bereits zwei Drittel unserer Essen-Beute gespielt zu haben. Das kann nun wirklich nicht jeder sagen!

Essen Beute
Unser bescheidener „Loot Pile“.

Legend of the Five Rings oder: to LCG or not to LCG

Durch das lange Wochenende ergab sich endlich mal wieder die Gelegenheit für einen Zweispieler-Nerdspielabend mit meinem Freund Daniel. Nach einer Runde X-Wing (ein paar Bilder findet Ihr auf Daniels Blog) stand das Legend of the Five Rings auf dem Speiseplan, das neue Living Card Game von Asmodee/Fantasy Flight.

In Legend of the Five Rings verkörpern die Spieler die Anführer mächtiger Clans im japanisch angehauchten Fantasysetting Rokugan. Wir versuchen, das Spiel zu gewinnen, in dem wir die Heimatprovinz des Gegners unterwerfen. Alternativ können wir auch darauf setzen, über Ehre, eine zentrale Ressource des Spiels, zu gewinnen, indem wir unsere Ehre auf 25 steigern oder die Ehre des Gegners auf Null sinken lassen. In unserem Testspiel spielte Daniel ein Deck des Löwen-Clans, der vor allem auf militärische Stärke setzt, während ich die Geschicke des Kranich-Clans steuerte, der politisch mit allen Wassern gewaschen ist.

Um unsere Rivalen auszustechen, initiieren wir politische sowie militärische Konflikte, in die wir einen oder mehrere unserer ausgespielten Charaktere schicken (Militär und Politik sind Fähigkeitswerte, über die die meisten Charaktere verfügen. Manche haben allerdings auch nur einen Wert in einer der beiden Fähigkeiten). Diese Konflikte werden jeweils in einer vom angreifenden Spieler gewählten Provinz des Gegners ausgetragen. Außerdem sind diese einem der namensgebenden fünf Ringe zugeordnet, die den Angreifer im Falle eines Sieges noch eine kleine aber möglicherweise folgenreiche Bonusaktion ausführen lassen.

Im Spiel nutzen die Kontrahenten zwei Kartendecks, die jeweils unterschiedlich funktionieren. Das Dynastiedeck enthält Charaktere und Besitztümer. Die Karten von diesem Deck werden automatisch den Provinzen der Spieler zugeordnet und können in einer bestimmten Phase der Runde (der Dynastiephase) durch bezahlen der Ressource Schicksal ausgespielt werden. Die Karten, die uns hier zu Verfügung stehen liegen (wenn sie spielbar sind) offen aus, so dass man sehen kann, was der Gegner diese Runde in petto hat. Die Karten vom Konfliktdeck funktionieren eher wie ein typisches Kartendeck: gezogene Karten wandern verdeckt auf die Hand, und es gibt deutlich mehr Fenster, in denen diese ausgespielt werden können. Auch dieses Deck verfügt über einen besonderen Nachziehmechanismus – in der Nachziehphase bieten beide Spieler verdeckt einen Wert zwischen eins und fünf. Jeder Spieler zieht dann Karten entsprechend seines Gebots, wer höher geboten hat muss allerdings die Differenz zwischen seinem und dem gegnerischen Gebot in Ehre an den Gegner zahlen.

Legend of the Five Rings Konfliktkarten
Die Konfliktkarten dienen dazu, den Gegner zu überraschen und somit das Ruder in bereits laufenden Konflikten herum zu reißen.

Mein erster Eindruck von Legend of the Five Rings war sehr positiv. All das, was beim ersten Erklären noch kontraintuitiv wirkte, kam nach einigen Runden sehr stimmig zusammen und man bekam doch schnell ein Gefühl dafür, an welchen Strippen man ziehen muss, um seinem Gegner zu schaden. Die Art, wie Konflikte funktionieren, fand ich sehr schön gelöst (es wird z.B. kein Schaden ausgeteilt, Charaktere sterben nur, wenn sie über kein Schicksal mehr verfügen), auch wenn die Fähigkeiten der verschiedenen Ringe erst einmal ein wenig fummelig wirken und öfter nachgeschaut werden müssen. Löwen- und Kranich-Clan unterscheiden sich in ihren Strategien deutlich – und das sind ja nur zwei der sieben Clans, die im Spiel vertreten sind.

Meine Motivation in das Spiel einzusteigen ist trotzdem gering. Der Einstieg ist mir – ganz subjektiv, wie so etwas nun einmal ist – dieses Mal einfach zu teuer. Dabei ist es ja keine ganz neue Erkenntnis, dass ein LCG mit Kosten verbunden ist, und so ganz abgeneigt bin ich dieser Art von Verkaufsmodell an sich ja auch gar nicht. Android: Netrunner habe ich zwar nie so richtig ernsthaft gespielt, aber doch intensiv genug, um mir ein zweites Grundspiel anzuschaffen. Arkham Horror: Das Kartenspiel rechnet ebenfalls damit, dass der Spieler irgendwann einknickt und sich Grundspiel Nummer zwei holt, und trotzdem hat es von mir die Top-Wertung verpasst bekommen. Für beide Spiele habe ich eine stattliche Anzahl an großen und kleinen Erweiterungspacks zu Hause rumfliegen. Warum also jetzt die plötzliche LCG-Müdigkeit?

Im Fall von Legend of the Five Rings stören mich vor allem zwei Dinge. Während Arkham Horror und Android: Netrunner mir suggerieren, dass ich mit einem Spiel schon zurechtkomme, aber vermutlich Spiel zwei für die volle Erfahrung haben möchte, ist bei Legend of the Five Rings von vorne herein klar, dass ich drei Grundsets (à ca. 30€) für das volle Spielerlebnis kaufen sollte – und ich mit einer Box ganz und gar nicht zurechtkommen werde. Die ist nämlich nur so etwas wie eine Demoversion. Ich bekomme zwar eine Menge Kartenvielfalt für sieben verschiedene Fraktionen, kann jedoch meine Decks nur nach angepassten Regeln (kleinere Deckgrößen) bauen. Der Spieler, der nur eine Box kauft, kann also nicht einfach seine Karten nehmen, sich mit anderen Spielern im Spieleladen oder anderswo treffen und mit diesen losspielen, da er nicht nach den „richtigen“ Regeln gebaut hat. Mich persönlich nervt das wahnsinnig und hält mich davon ab, mit dem Kauf eines Grundspiels mal eben in das Spielsystem reinzuschnuppern.

Vergrößert wird das Problem durch den Veröffentlichungskalender für den ersten Erweiterungszyklus. Die ersten sechs Erweiterungspacks werden nämlich – beginnend Anfang November – wöchentlich statt wie üblich monatlich auf den Markt geworfen. Für die Cracks und Turnierspieler ist das wahrscheinlich sogar gut. Es kommt nämlich auf einen Schlag – statt tröpfchenweise nach und nach – Bewegung in die „Meta“. Für mich als Gelegenheitsspieler, der nur ein begrenztes Budget für ein einzelnes Spiel aufbringen will und kann, bedeutet das allerdings, dass ich bereits Ende November rettungslos der Flut an Veröffentlichungen hinterherhecheln werde. Das ist natürlich völlig irrational, denn ich würde letztendlich wohl ohnehin nicht up to date bleiben. Aber die Aussicht, schon so früh im Lebenszyklus des Spiels hinter die Veröffentlichungen zurück zu fallen ist für mich trotzdem eine ziemlich unbefriedigende Aussicht. Die bei mir getriggerte Trotzreaktion sagt jedenfalls: Na dann lasse ich es besser gleich.

Legend of the Five Rings wird also aller Voraussicht nach nicht in meinem Regal landen. Vielleicht ist das aber auch besser so, denn mit Star Wars: Legion wartet der nächste große Brieftaschenleerer ja bereits am Horizont…

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