Wettlauf nach El Dorado (Rezension)

Das sagenhafte El Dorado ist greifbar nah. Aber was ist das alles wert, wenn wir nicht die ersten sind, die die sagenhafte goldene Stadt erblicken? Wir haben unsere Konkurrenten in den undurchdringlichen Dschungeln Südamerikas hinter uns gelassen, aber sie sind uns dicht auf den Fersen. Wir müssen nur noch diesen einen Fluss überqueren, dann haben wir das Rennen für uns entschieden. Also, wo steckt dieser vermaledeite Matrose, wenn man ihn braucht?

Deckbau ist der Spielewelt schon seit „Dominion“ bestens bekannt, doch in letzter Zeit gibt es vermehrt den Trend, die Deckbaumechanik als Steuerungsmechanismus für ein Spiel einzusetzen, dass sich nicht allein auf Kartenkombinationen beschränkt. Ein aktuelles Beispiel ist Reiner Knizias „Wettlauf nach El Dorado“, das 2017 für das begehrte „Spiel des Jahres“ nominiert war.

Ruhm und Reichtum warten

In „Wettlauf nach El Dorado“ hat Designerveteran Knizia sich zwei Mechanismen vorgenommen und diese in ihre einfachsten Bestandteile zerlegt: das Spiel kombiniert ein denkbar einfaches Deckbauelement mit einem ebenso simplen Rennspiel. Ziel des Spiels ist es, die eigene Figur (oder auch Figuren im Zweispielerspiel) schneller als die Gegner auf das Zielfeld, das eben das sagenumwobene El Dorado repräsentiert, zu befördern. Bewegen können wir sie durch das Ausspielen von Karten, von denen anfangs acht unser Deck bilden.

El Dorado Karten
Am Anfang des Spiels besteht unser Deck aus drei Forschern, vier Reisenden und einem Matrosen.

Vor unserem ersten Zug ziehen wir vier Karten. Diese können wir nun einzeln ausspielen, um unserer Figur auf benachbarte Felder zu bewegen. Der Forscher z.B. bringt uns ein Machetensymbol, mit dem wir auf ein entsprechendes Dschungelfeld mit maximal einer Machete ziehen können. Haben wir alle gewünschten Bewegungen durchgeführt, können wir eine einzelne Karte aus der Marktauslage kaufen, indem wir dafür noch verbliebene Handkarten ausspielen. Hierbei bringt uns jede Karte mit einem Münzsymbol Kaufkraft entsprechend ihres Zahlenwertes (die Reisende ist also eine Münze wert). Jede andere Karte dürfen wir ablegen, um im Gegenzug eine halbe Münze zu erhalten. Die gekaufte Karte wandert dann in unseren Ablagestapel. Haben wir dann immer noch Karten auf der Hand, dürfen wir entscheiden, ob wir diese behalten oder ablegen wollen, ehe wir wieder auf vier Karten aufziehen.

Anders als sonst im Deckbaugenre üblich ist die Marktauslage nicht variabel. Es sind also in jedem Spiel alle 18 Kartendecks dabei, von denen zunächst nur sechs (und immer die gleichen sechs) zum Kauf verfügbar sind. Erst wenn ein Kartenstapel in der Auslage leergekauft wurde (was recht zackig der Fall ist, da jede Karte nur drei Mal vorhanden ist), stehen auch die oberhalb der Markttafel liegenden Karten zum Kauf. Sobald ein Spieler eine Karte von dort kauft, werden die verbliebenen Karten des ausgewählten Stapels unter die Markttafel gerutscht und die Auslage „schließt“ sich somit wieder – bis erneut ein Stapel leer ist.

Wettlauf nach El Dorado Markt
Die Marktauslage zu Spielbeginn.

Die meisten Karten sind recht simpel gehalten: sie liefern statt nur ein Symbol einer Farbe mehrere Symbole, oder sie liefern uns beim Ausspielen ein (oder mehrere) beliebige Symbole. Dazu kommen einige Effekte, die uns Karten ziehen, Karten aus dem Deck entfernen oder Karten von oberhalb der Markttafel erwerben lassen. Während die meisten Karten Personen repräsentieren, die dauerhaft in unserem Deck bleiben, gibt es einige Gegenstände, die zwar besonders mächtig sind, dafür aber nach einmaliger Benutzung unser Deck verlassen.

Natürlich ist es hübsch, gleich drei Schritte statt einem gehen zu dürfen; essentiell werden die besseren Karten jedoch erst durch die Art und Weise, in der das Spielfeld aufgebaut ist. Gerade in der Mitte der Spielplanfelder finden sich nämlich oft Felder, die wir nur mit mehreren gleichen Symbolen betreten können. Da wir alle Karten einzeln ausspielen und sofort nutzen, können wir keine Kartenwerte addieren. Das heißt, dass wir für ein Feld mit drei Paddelsymbolen zwingend eine einzelne Karte benötigen, die uns diese Symbole liefert. Ansonsten heißt es: außenrum statt mittendurch!

Wettlauf nach El Dorado Spielplan
Der Spielplan von „Wettlauf nach El Dorado“.

 

Variabel wird „Wettlauf nach El Dorado“ vor allem durch den Aufbau des Spielplans, der beliebig aus bis zu sieben doppelseitigen Geländetafeln, zwei kleineren doppelseitigen Geländestreifen und dem Zielplättchen zusammensetzen lassen. Die Anleitung liefert sieben verschiedene Vorschläge für Routen nach El Dorado, die kürzer oder länger ausfallen können. Generell können aber auch nach Belieben eigene Routen entworfen werden. Zwischen die Geländetafeln werden dann noch Barrieren gelegt, die der erste Spieler, der diese passieren möchte, entfernen muss, was die in Führung liegende Expedition ein klein wenig ausbremst.

Wettlauf nach El Dorado Ziel
Endlich am Ziel!

Erreicht ein Spieler El Dorado, wird noch die Runde zu Ende gespielt. Ist am Rundenende nur ein Spieler im Ziel, gewinnt dieser das Spiel. Haben mehrere Spieler die goldene Stadt erreicht, darf sich derjenige, der während des Spiels die meisten bzw. hochwertigsten Barrieren eingesammelt hat, allein am wundersamen Goldschatz laben.

Ist denn alles Gold, was glänzt?

Im Kreise der diesjährigen Nominierten zum „Spiel des Jahres“ war „Wettlauf nach El Dorado“ zunächst der Titel, der mich am allerwenigsten interessierte. Schon die Aufmachung der Box wirkte mit ihren Anklängen an die späten Neunziger Jahre („Tikal“ lässt grüßen!) auf mich leicht antiquiert, und auch das sehr zweckmäßige Design der Spielfeldteile ließ mich eher kalt. Dazu noch Karten in Hobbitgröße, und das bei einem Deckbauspiel! Aber man soll ja nicht so oberflächlich sein: der Mix aus Deckbuilder und Rennen, der uns hier von Reiner Knizia serviert wird, weiß nämlich durchaus zu gefallen (und das gleichermaßen mit allen Spielerzahlen von zwei bis vier).

Das größte Problem bei „reinen“ Deckbauspielen der alten Schule war und ist, dass die Spieler oftmals in einer Art „Multiplayer-Solitär“ nebeneinander her spielen. „Wettlauf nach El Dorado“ löst dieses Problem, indem es die Karten zum Steuerungselement für das Rennen zwischen den Expeditionen auf dem Spielplan degradiert. Damit muss Interaktion zwischen den Spielern nun nicht einzig durch die Konkurrenz um Karten in der Auslage und eventuell einige „Nimm das!“-Effekte hergestellt werden. Stattdessen kann mit den Figuren auf dem Spielplan nach Herzenslust geblockt werden (insbesondere im Spiel zu zweit, da dann jeder Spieler zwei Figuren kontrolliert).

Das soll nun nicht heißen, dass die „klassische“ Interaktion über das Tableau an verfügbaren Karten keine Rolle spielt – ganz im Gegenteil. Da jede Karte nur drei Mal vorhanden ist, gilt es, sich recht zügig die Karten zu sichern, die man unbedingt haben möchte. Wer leer ausgeht, weil ihm die letzte Karte eines Stapels vor der Nase weggeschnappt wird, kann sich damit trösten, dass er nun Zugriff auf den kompletten Kartenpool hat – und bestimmen kann, was anschließend wiederum für die Mitspieler verfügbar sein wird. Das ist recht clever und vor allem mal kein Abklatsch bestehender Deckbuilder, deren Marktauslagen diese ja meist entweder als „Dominion“- oder „Ascension“-Cousins ausweisen.

Die größte Errungenschaft von „Wettlauf nach El Dorado“ ist aber, dass sie das Prinzip Deckbau auf die Komplexität eines Familienspiels herunterbricht. Wer (wie der durchschnittliche Spielenerd) einfach schon alles gesehen und gespielt hat oder sich einfach nur daran erinnert, dass „Dominion“ mal das „Spiel des Jahres“ abgeräumt hat, der vergisst leicht, wie befremdlich und unzugänglich Deckbauspiele auf Gelegenheitsspieler wirken können, die bislang noch kein einschlägigen Vorerfahrungen aufzuweisen haben. Das fängt manchmal schon beim Konzept des eigenen Decks und Ablagestapels an, beim Kaufen von Karten mit Karten, die man aber auch wieder nicht dauerhaft hergeben muss, oder beim Unterschied zwischen dem Ablegen und dem kompletten Entfernen von Karten aus dem Deck. Muss man dann noch zwischen verschiedenen Werten für Punkte, Kaufkraft, Kosten usw. unterscheiden und wird zudem mit einem Wust an Schlagwörtern und Text überfrachtet, steigt manch einer schon vor Abschluss der Regelerklärung aus. Ich erinnere mich insbesondere an einen offenen Spieleabend, an dem „Dominion“ zugunsten von „Codenames“, „6 nimmt!“ und „Jenga“ verschmäht wurde, da es „so kompliziert“ aussah – und das waren immerhin Leute, die sich wöchentlich zum Spielen (wenn auch einfacher Spiele) verabredet hatten, nicht die Oma, bei der sonst nur einmal im Jahr „Mensch ärgere dich nicht“ auf den Tisch kommt.

Knizias Beitrag zum Deckbaugenre vereinfacht zunächst einmal die Karten und ihre Interaktion radikal. Die Effekte der meisten Karten sind simpel, und nur sechs der insgesamt (mit Startkarten) 21 verschiedenen Karten sind noch mit erklärendem Text versehen. Punktekarten gibt es nicht – letztendlich kommt es nur darauf an, wer als erster das Ziel erreicht. Das kann man wirklich jedem erklären. Für Anfänger im Genre gibt es trotzdem immer noch viel zu entdecken. Allein die Tatsache, dass ein dünnes Deck ein gutes Deck ist, und die Felder, die uns Karten aus dem Deck entfernen lassen, daher einen Umweg wert sein können, ist für manchen Genreneuling bestimmt noch ein „Aha!“-Moment.

Aber da kommen wir dann auch zur Kehrseite dieses Zugänglichmachens. Vielspieler wissen das natürlich schon – sie können „Wettlauf nach El Dorado“ leicht zu Tode spielen. Das starre Marktsetup mit relativ wenigen Karten, das im Spiel mit Gelegenheitszockern noch als Stärke durchgeht, wird hier plötzlich zum Schwachpunkt, denn sie wollen ja nun mal gerne neue abgefahrene Kartenkombinationen entdecken. Die Varianz, die durch die verschiedenen Spielplan-Layouts erzeugt wird, reicht dem Vielspieler vermutlich nicht lange, und er wird sich bald Erweiterungen wünschen oder zum nächsten Titel weiterziehen.

„Wettlauf nach El Dorado“ ist ein gelungenes Deckbauspiel für Gelegenheitsspieler, dem aber letztendlich ein wenig dieses „das Spiel geht immer“-Gefühl abgeht, das sich bei einfacheren Familientiteln wie „Splendor“, „Zug um Zug“ oder „Carcassonne“ einstellt. Ich würde es jederzeit wieder spielen, wenn jemand es zum Spieleabend mitbringt, und würde mit Sicherheit Spaß dabei haben. Für einen dauerhaften Platz in meinem Regal hat es aber nicht gelangt – dafür stehen da einfach schon zu viele Deckbuilder.

„Wettlauf nach El Dorado“ von Reiner Knizia, ein Spiel für 2-4 Spieler ab 10 Jahren, erschienen 2017 bei Ravensburger. Spielzeit:  ca. 30-60 Minuten Minuten. Preis: ca. 35€.

Spieltyp Familienspiel
Wertung Note 3 – befriedigend

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