Brave Rats (Rezension)

Mit Liebesbriefen die Auserkorene aus dem Adelsstand anhimmeln war gestern. Heute geht es handfest zu – in „Brave Rats“ sichern wir uns im Zweikampf Ratte gegen Ratte das größte Stück vom Käse. Es kann nur einen Rattenkönig geben!

„Brave Rats“ ist ein einfaches Stichspiel für zwei Spieler im Stil von „Love Letter“. Die Parallelen sind kein Zufall, denn Autor des Spiels ist Seiji Kanai, der auch für das beliebte Spiel um Prinzessinnen und Liebesbriefe verantwortlich war. Tatsächlich geht „Brave Rats“ diesem zeitlich voraus und erschien in seiner Urversion bereits 2011 unter dem vielsagenden Titel „R“ bei Kanais eigenem Verlag, ehe Blue Orange Games dem Spiel für die (französisch-/englischsprachige) europäische Version ein neues Thema, neues Artwork und eben auch einen neuen Namen verpasste.

Die Rattenplage sind immer die anderen

Der König ist tot, lang lebe der König! In „Brave Rats“ sind die Spieler die Oberhäupter von Rattenstämmen, die nur allzu gerne selbst den Thron besteigen möchten. Der Zweikampf gestaltet sich denkbar einfach: beide Spieler erhalten zu Spielbeginn identische Kartenhände von je acht Karten mit Werten von Null bis Sieben. Jede Runde wählen beide Spieler eine Karte aus und decken diese gleichzeitig auf. Die höhere Karte gewinnt die Runde und wird offen vor dem Sieger abgelegt. Der Verlierer legt seine Karte verdeckt vor sich ab. Sollte es ein Unentschieden geben, bleiben die Karten in der Tischmitte liegen; die nächste Runde entscheidet dann auch über den Ausgang dieser Runde. Wer als erstes vier offene Karten vor sich ausliegen hat, gewinnt die Partie.

Damit das Spiel ein bisschen Schmackes bekommt, hat natürlich jede der Karten eine besondere Fähigkeit. Der Musiker (0) lässt die Runde sofort Unentschieden enden, die Prinzessin (1) gewinnt die komplette Partie, wenn der Gegenspieler in der gleichen Runde den Prinzen ausspielt, der Spion (2) zwingt den Gegner, die nächste Karte offen zuerst auszuwählen, der Attentäter (3) lässt die niedrigere Zahl statt der höheren gewinnen, eine mit dem Botschafter (4) gewonnene Runde zählt als zwei gewonnene Runden, der Zauberer (5) negiert die Fähigkeit der gegnerischen Karte, der General (6) erhöht den Wert der nächsten ausgespielten Karte um zwei, und der Prinz (7) gewinnt einfach die Runde (wenn ihm keine andere Fähigkeit dazwischenfunkt). Die verschiedenen Rollen sind schnell verinnerlicht, und die Ergebnistabelle auf der Rückseite der Übersichtskarte hilft in den ersten paar Runden, das Zusammenspiel aus Zahlenwert und Fähigkeit besser nachzuvollziehen.

Brave Rats Spielsituation
Mittendrin in „Brave Rats“: Was spiel‘ ich bloß?

Das war es dann eigentlich auch schon. Allerdings liefert die Anleitung noch vier Vorschläge für Varianten, von denen ich eine für essentiell, die anderen drei eher für unnötig halte. Wir haben immer mit der Variante „Der wahre König“ gespielt. Diese nutzt die in der Schachtel liegenden Kronenmarker und lässt die Spieler ein Best-out-of-Five System spielen, das heißt, wir spielen so viele Partien, bis ein Spieler drei mal gewonnen hat; dieser ist dann der Gesamtsieger. Für mich macht diese Variante „Brave Rats“ erst zu einem vollständigen Spielerlebnis, denn eine einzelne Partie ist normalerweise in deutlich unter fünf Minuten beendet (manchmal sogar in wenigen Sekunden mit dem Ausspielen der ersten beiden Karten). Die Varianten „Verräter“ und „Zufälliges Austeilen“ sorgen für mehr Chaos, indem entweder jeder Spieler dem Gegner eine zufällige Karte aus seinem Deck gibt oder die Karten komplett zufällig ausgeteilt werden. Die Variante „Auswahl“ lässt dem Spiel eine Draftingrunde vorausgehen, mit der wir unsere Kartendecks individuell zusammenstellen können, was meines Erachtens in keinem Verhältnis zur Komplexität des Spiels steht (aber hey, jedem das Seine).

Unterm Strich

„Brave Rats“ ist ein Mikrogame, das wie sein Cousin „Love Letter“ mit sehr wenigen Komponenten auskommt – in diesem Fall 16 Spiel- und zwei Übersichtskarten sowie fünf Holzmarker für die „Der wahre König“-Variante. Manch einer mag aufgrund der schlanken Komponentenliste über den Preis von etwa zehn Euro meckern – man bezahlt bei einem Spiel aber ja nicht nur die enthaltene Pappe nach Menge, sondern das Rundumpaket von der Spielidee über die grafische Gestaltung bis hin zur Produktionsqualität, von daher stimmt hier für mich alles. Die übergroßen Karten gefallen mir jedenfalls sehr gut, und auch das Artwork (mit Highlander-Ratten!) finde ich sehr gelungen. Meine Frau hat sich auch damit anfreunden können, auch wenn sie zunächst etwas traurig war, dass die Illustrationen nicht näher am „Love Letter“-Stil gestaltet waren.

Apropos „Love Letter“: da ich das Spiel ohnehin schon ein gefühltes Dutzend mal erwähnt habe, werde ich wohl kaum um den Vergleich herum kommen. Kurz und bündig: „Love Letter gefällt mir insgesamt einen Tick besser, ich spiele es aber am liebsten zu dritt oder viert; zu zweit hat es sich für mich einfach nicht komplett angefühlt. Diese Lücke füllt „Brave Rats“ mit Bravour.

Das Spiel ist wirklich supersimpel und selbst in der Variante mit den Kronenmarkern äußerst zackig gespielt, hat aber durchaus seinen Reiz. Es entwickelt sich schnell ein Metaspiel im Stile des „Battle of Wits“ aus dem Film „The Princess Bride“. Der Gegner weiß, dass ich letztes Mal in der ersten Runde mit dem Prinzen eröffnet habe, also spielt er diesmal wohl in Runde eins die Prinzessin. Er weiß aber auch, dass ich das weiß und deshalb…

„Brave Rats“ ist kein Spiel, um das herum ich einen Spieleabend aufbauen würde. Als ‚Filler‘ für zwei oder auch als Reisespiel funktioniert es richtig gut, und als solches kann ich es auch wärmstens empfehlen. Wenn Zeit kein Problem und die Auswahl groß ist, wird es „Brave Rats“ dagegen etwas schwerer haben auf den Tisch zu kommen – am Ende ist es eben doch ein sehr simples Spiel. Unser Exemplar wird aber sicher immer mal wieder gespielt werden, vor allem unterwegs.

„Brave Rats“ von Seiji Kanai, ein Spiel für 2 Spieler ab 8 Jahren, erschienen 2016 bei Pegasus Spiele. Spielzeit: 5-15 Minuten. Preis: ca. 10€.

Komplexität Familienspiel
Wertung Note 3 – befriedigend

2 Gedanken zu „Brave Rats (Rezension)“

  1. Hmm… Ich weiß nicht. Die Fähigkeiten scheinen für das Zweispielerkonzept ja ganz interessant zu sein und die Karten haben schon hübsche Grafiken, aber ich würde auch eher „Love Letter“ oder „Lost Legacy“ bevorzugen, wenn man mindestens drei Spieler hat. Wenn man nur zu zweit ist, dann würde mein Schrank sicher auch was besseres hergeben 🙂

    1. Wie gesagt, ich finde auch, dass das Spiel vor allem da seinen Platz hat, wo der heimische Spieleschrank nicht dabei ist! Ein Must-Have ist es bei den vielen tollen Zweispieler-Spielen auf dem Markt nicht, aber uns hat es schon Spaß gemacht.

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