Jaipur (Rezension)

Ach herrje, der Alex rezensiert schon wieder olle Kamellen! In diesem Fall kann ich mich mit einem aktuellen Aufhänger herausreden, denn Jaipur ist gerade erst letzten Monat als App für Android und iOS erschienen (und hat für die digitale Fassung ein komplettes Facelift mit neuem Artwork von Vincent Dutrait erhalten). Für mich ein willkommener Anlass, um auf ein kleines Kartenspiel für zwei zurück zu blicken, das sich immerhin acht Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch immer wacker in der Top 100 von BoardGameGeek hält.

In „Jaipur“ verkörpern die Spieler mal wieder miteinander wettstreitende Händler. Objekt der Begierde ist diesmal ein Handelsprivileg des Maharadschas von Jaipur, und um dieses zu erlangen müssen wir uns in drei Spielrunden als der geschicktere Händler erweisen. Zu diesem Zweck sammeln wir Sets von Waren (=Karten), die wir dann für Geld (=Chips) verkaufen.

Gespielt wird mit einem Deck aus 55 Karten, die sechs verschieden Waren sowie Kamele zeigen (letztere dienen als Tauschware und zählen nicht auf das Handkartenlimit von sieben Karten). Dazu werden 38 Warenchips in den Farben der Warenkarten sowie verschiedene Bonuschips ausgelegt. Die Startauslage wird aus drei Kamelen und zwei zufällig gezogenen Karten gebildet, dann erhält jeder Spieler eine Starthand von fünf Karten und los geht es.

Spielaufbau Jaipur
Spielaufbau einer Runde „Jaipur“. Von jeder Warenart gibt es eine Karte mehr als Chips vorhanden sind.

In unserem Zug haben wir im Großen und Ganzen zwei Möglichkeiten: wir können entweder Karten nehmen oder Karten ablegen um Waren zu verkaufen. Entscheiden wir uns für Variante eins, so können wir einfach eine einzelne Karte aus der Auslage nehmen. Anschließend wird die Auslage durch die oberste Karte des Nachziehstapels ergänzt. Wir können aber auch mindestens zwei Karten aus der Auslage gegen Karten von unserer Hand und vor uns ausliegende Kamele austauschen (Handkartenlimit beachten!). Last but not least können wir auch alle ausliegenden Kamele nehmen und diese anschließend durch die gleiche Anzahl an Karten vom Nachziehstapel ersetzen.

Wollen wir stattdessen Waren verkaufen, legen wir beliebig viele Karten einer Sorte auf den Ablagestapel und nehmen uns entsprechend viele Chips der gleichen Farbe. Nun ja, nicht ganz beliebig viele, denn die selteneren und wertvolleren Waren Silber, Gold und Diamanten müssen mindestens paarweise getauscht werden. Schnell sein lohnt sich, denn die oberen Chips jeder Farbe bringen uns mehr Rupien ein als die unteren. Auf der anderen Seite lohnt sich aber auch fleißiges Hamstern, denn Verkäufe von drei, vier oder fünf Karten auf einmal werden noch zusätzlich mit einem Bonuschip belohnt.

So spielen wir, bis entweder drei Stapel Warenchips aufgebraucht sind oder die Marktauslage nicht mehr komplett mit Karten aufgefüllt werden kann. Der Spieler, der zu diesem Zeitpunkt mehr Kamelkarten vor sich ausliegen hat, erhält noch einen Bonuschip im Wert von fünf Punkten. Wer nun mehr Punkte hat, gewinnt die Runde und erhält ein Exzellenzsiegel. Der Spieler, der zuerst zwei Siegel gesammelt hat, gewinnt das Spiel.

Unterm Strich

„Jaipur“ ist ein Spiel, das in die Gattung „klein, aber oho!“ fällt. Die Regeln sind simpel und schnell erklärt, und ja, Glück spielt eine Rolle (gerade beim Ziehen der Starthand), dominiert aber nicht das Spielerlebnis. Die taktischen Entscheidungen, die wir im Spielverlauf treffen können und müssen, sind relativ simpel gehalten. Im Grunde kreisen sie alle um die Frage des Timings: wann decke ich meinem Gegenspieler Karten auf? Wann verkaufe ich, und was verkaufe ich? Wann tausche ich Karten mit der Auslage? Wann nehme ich Kamele? Das Spiel lässt sich locker runterspielen, spielt sich aber nicht von selbst. „Jaipur“ brennt niemandem das Gehirnschmalz weg, aber ganz abschalten kann man den Denkapparat eben auch nicht.

Wir haben das Spiel eine Zeit lang bis zum Abwinken gespielt. Für meine Frau war es sogar das erste Spiel, das sie jemals explizit als ihr Lieblingsspiel bezeichnet hat (und sie mag es immer noch lieber als ich). Allerdings muss ich auch sagen: seit unserer ersten Partie hat sich unser Spielegeschmack weiterentwickelt, und „Jaipur“ ist gegenüber anderen Zweispieler-Spielen seiner Gewichtsklasse etwas ins Hintertreffen geraten. Mittlerweile landet es daheim eher selten auf dem Tisch. Eine einzelne Runde ist mir meist zu kurz und reicht nicht ganz um meinen „Abends-mal-eben-kurz-ein-Spiel“-Appetit zu stillen. Geht das Spiel dagegen über die vollen drei Runden ist es mir manchmal schon wieder etwas zu lang für das, was es bietet. Das liegt auch daran, dass nach jeder Runde erstmal ausgiebig Tokens sortiert werden müssen. „Jaipur“ ist weiterhin kein schlechtes Spiel, leidet aber unter der aufregenderen Konkurrenz wie „7 Wonders: Duel“ oder „Patchwork“.

Seine Nische hat „Jaipur“ für uns weiterhin dort, wo diese Konkurrenz weitgehend fehlt, nämlich auf Reisen. Die kleine Box passt immer noch irgendwie ins Handgepäck, und auch das aufgebaute Spiel ist nicht besonders platzhungrig und hat bislang noch auf jeden Hoteltisch gepasst. Dass das Spielgefühl eher gemach und unaufregend ist, ist hier auch eher ein Plus- als ein Minuspunkt. Während ich meine Spiele am Wochenende zu Hause doch gerne mal mit etwas mehr Pfeffer habe, ist die freundliche Unaufgeregtheit von „Jaipur“ zwischen Strand und Abendessen doch sehr willkommen. Seinen Platz in unserer Sammlung hat das Spiel damit weiterhin sicher.

Gelegenheitsspieler, die ein einfaches Kartenspiel suchen, das zwar keine abgefahrenen neuen Konzepte, aber solide Entscheidungsmöglichkeiten bietet, dürfen bei „Jaipur“ gerne zugreifen. Auch Vielspieler können sich das Spiel als ‚Filler‘ für zwischendurch anschauen. Für mich hat sich das Spiel nach um die dreißig Partien langsam ein wenig abgenutzt – man muss aber auch eingestehen, dass ich Stand hier und jetzt kein anderes 15-Euro-Spiel überhaupt so oft gespielt habe. Wenn mir eine Partie angeboten wird, sage ich jedenfalls weiterhin nicht nein.

„Jaipur“ von Sébastien Pauchon, ein Spiel für 2 Spieler ab 12 Jahren, erschienen 2014 bei GameWorks. Spielzeit: 30 Minuten. Preis: ca. 15€.

Komplexität Familienspiel
Wertung Note 3 – befriedigend

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.