Splendor (Rezension)

Schlicht und elegant, sagen die einen. Trocken und abstrakt, meinen die anderen. Was sich nicht bezweifeln lässt: „Splendor“ war einer der großen Verkaufsschlager der letzten paar Jahre, und erfreut sich auch drei Jahre nach seiner Veröffentlichung einer ungebrochenen Popularität. Was ist dran an dem Hype um Edelsteine und Pokerchips?

Worum geht es nun eigentlich? In „Splendor“ sind wir Edelsteinhändler im Italien der Renaissance – aber, um ganz ehrlich zu sein, das vergessen wir eh ganz schnell wieder. Denn das Thema des Spiels ist nur in den (wirklich schön anzusehenden) Illustrationen von Pascal Quidault präsent. Artwork und Spielmechaniken existieren ziemlich unverbunden nebeneinander her.

In Splendor führen die Spieler im Uhrzeigersinn ihre Aktion aus. Ziel des Spiels ist es, am Spielende die meisten Prestigepunkte zu haben. Das Spielende wird eingeleitet, sobald ein Spieler 15 Punkte erreicht; danach wird noch die Runde zu Ende gespielt, so dass alle Spieler gleich viele Züge hatten. Der Spieler mit den meisten Punkten gewinnt.

Vor Spielbeginn werden von jedem der drei Kartendecks jeweils vier Karten aufgedeckt. Ausserdem werden je nach Spielerzahl Adligen-Plättchen (eins mehr als Spieler) und Edelstein-Chips in fünf Farben sowie die fünf Gold-Chips ausgelegt.

Spielaufbau für zwei Spieler
Spielaufbau für zwei Spieler. Je nach Spielerzahl unterscheidet sich die Anzahl der zur Verfügung stehenden Edelstein-Chips und Adligen-Plättchen.

Wenn wir am Zug sind, haben wir die Möglichkeit genau eine der folgenden Aktionen auszuführen:

  • Drei Edelstein-Chips unterschiedlicher Farbe oder zwei Chips gleicher Farbe nehmen. Letzteres ist nur dann möglich, wenn vor der Aktion noch vier Chips der gewünschten Farbe im Vorrat liegen. Die Chips benötigen wir, um Entwicklungskarten zu kaufen. Dabei müssen wir darauf achten, dass wir am Ende des Zuges maximal 10 Chips in unserem Vorrat haben dürfen.
  • Eine offen ausliegende oder verdeckte Karte auf die Hand nehmen (reservieren) und zusätzlich einen Gold-Chip (der als Joker zählt) nehmen.
  • Eine offen ausliegende Karte oder eine reservierte Karte kaufen, indem wir die Kosten in Edelstein-Chips bezahlen. Jede Karte zeigt rechts oben einen Edelstein: einmal gekauft, zählt sie dauerhaft als virtueller „Bonus-Chip“ der jeweiligen Farbe. Außerdem geben uns die Karten die zum Gewinnen des Spiels nötigen Prestigepunkte: die billigen Karten der 1. Stufe 0-1 Punkt, Karten der 2. Stufe  1-3 Punkte und Karten der 3. Stufe 3-5 Punkte.

Neben den Entwicklungskarten bieten die drei bis fünf Adligen-Plättchen eine weitere Möglichkeit zu punkten; diese bringen dem Spieler, der als erster die abgebildete Karten-Kombination erfüllt, drei Bonuspunkte, wobei man jedoch nur ein solches Bonus-Plättchen pro Zug erfüllen kann.

Auf den ersten Blick wirkt so eine Partie „Splendor“ dann, als ob jeder still vor sich hin kalkuliert, wie er am effektivsten an seine 15+ Punkte bekommt. Gleichzeitig schielt man aber immer darauf, was die anderen Spieler machen. Gerade am Anfang der Partie nützt es mir wenig, wenn ich mehrere Runden lang Chips horte, nur um dann festzustellen, dass ein anderer Spieler, der vor mir dran ist, es auf die gleiche Karte abgesehen hat. Später muss man dann vor allem schauen, wer demnächst welchen Adligen-Bonus erfüllen kann. Das völlige Blockieren des Gegenspielers ist jedoch selten möglich: meist spuckt dann doch irgendeiner der drei Stapel die Farbe aus, die er oder sie gerne hätte; das Ärgerpotential ist also gering.

Durch die Begrenztheit der möglichen Optionen ist „Splendor“ schnell erklärt und spielt sich bei allen Spielerzahlen recht flüssig, wobei sich die Spieldynamik je nach Spielerzahl etwas verändert. Bei zwei Spielern ist man darauf angewiesen, genügend billige Karten zu kaufen, um mit den Rabatten an das gute Zeug zu kommen, denn die Chips sind sehr begrenzt. Gleichzeitig gibt es jedoch auch genug billige Karten, mit denen man erstmal „aufrüsten“ kann. Bei drei oder vier Spielern ist man dagegen öfter in der Lage, genug Chips auch für teurere Karten zu sammeln, wenn man es schafft, sich eine von den anderen nicht beachtete Nische zu suchen. Dafür gehen hier regelmäßig die Stufe 1 Karten vor Spielende zur Neige.

Unterm Strich

„Splendor“ ging 2014 als klarer Favorit ins Rennen um das renommierte „Spiel des Jahres“, doch letztendlich ging die Trophäe dann doch an die launige Kamelwürfelei „Camel Up“. Rückblickend geht diese Entscheidung schon in Ordnung – auch wenn ich ein großer Fan von „Splendor“ bin, und es für das im Großen und Ganzen bessere Spiel halte. „Camel Up“ ist ein ausgelassenes Spiel – eines, bei dem es rund geht am Tisch. „Splendor“ dagegen ist ein sehr leises Vergnügen. Sobald das Spiel läuft, gehen die Spieler in sich, berechnen still, welche Chips ihnen welche Karten, welche Karten ihnen welche Adligen-Plättchen einbringen. Ich kenne kaum ein Familienspiel, bei dem am Tisch eine derartige Stille herrscht (das Klackern der Poker-Chips mal ausgenommen). Ein bisschen unkommunikativ ist das ganze ja schon, könnte man einwenden.

Aber: diese nach innen gekehrte Rechnerei fasziniert dann doch. Wenn „Splendor“ auf den Tisch kommt, bleibt es selten bei einer Runde. Ich bin mittlerweile bei über sechzig Partien, Spiele über die App noch gar nicht eingerechnet. Ich könnte dennoch nicht behaupten, dass ich das Spiel satt hätte: es ist kein Titel, um den herum ich einen Abend plane, aber ich bin niemals enttäuscht, wenn es mal wieder gewünscht wird.

Dass das simple Rezept von „Splendor“ nachhaltig funktioniert, hat für mich vor allem zwei Gründe. Zum einen ist da das haptische Element. Die qualitativ hochwertigen, schweren Pokerchips liegen super in der Hand. So albern es klingt, aber dem Spiel würde etwas fehlen, wenn man statt mit diesen Chips mit Pappgeld, Holzwürfeln oder ähnlichem Material hantieren würde. Noch wichtiger ist aber das Spielgefühl. Während ich Runde für Runde Boni sammle, habe ich das Gefühl, dass ich mir meine eigene „Engine“, meine kleine ökonomische Maschine, aufbaue. Langsam aber sicher taste ich mich so an die zunächst unerreichbar erscheinenden Stufe 3 Karten heran. Egal ob diese Kalkulation am Ende aufgeht, oder ob ein Gegner mal wieder eine Runde zu früh die magische Marke von fünfzehn Punkten knackt – „Splendor“ gibt mir immer das Gefühl, irgendwie produktiv gewesen zu sein. Für ein so kurzes Spiel ist das durchaus eine reife Leistung.

„Splendor“ von Marc André, ein Spiel für 2-4 Spieler ab 10 Jahren, erschienen 2014 bei Space Cowboys. Spielzeit: 20-30 Minuten. Preis: ca. 30€.

Spieltyp Familienspiel
Wertung – reizvoll

3 Gedanken zu „Splendor (Rezension)“

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